Mitarbeiterporträts
Detektivin im Kautschuklabor
Rezepturen, Rohstoffe, Rätsel: Wie Materialentwicklerin Janina Knüttel bei Woco Probleme löst, die niemand sonst sieht
von Isabel Link
Das Wichtigste in Kürze:
- Janina Knüttel entwickelt und optimiert Elastomer-Werkstoffe beim Automobilzulieferer Woco in Bad Soden-Salmünster – und nennt ihre Arbeit selbst „Detektivarbeit"
- Die Lösung liegt selten auf der Hand: Kundenwünsche, Regulierung, Rohstoffbeschränkungen und Produktionsprobleme landen alle bei der Materialentwicklung
- Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit widmet sie der Digitalisierung des Labors – und der Frage, wie KI künftig den Datenschatz der Materialentwicklung heben kann
Dreimal um die Ecke denken
Bad Soden-Salmünster. Wenn Janina Knüttel von ihrer Arbeit erzählt, fällt ein Wort, das man im Labor eines Autozulieferers nicht unbedingt erwartet: Detektivarbeit. Als Specialist Material Development bei Woco entwickelt und optimiert sie Elastomer-Werkstoffe, die später in ganz unterschiedlichen Produkten zum Einsatz kommen. Doch wer ihren Job nur so beschreibt, lässt Entscheidendes aus.
„Materialentwicklung ist bei uns sehr breit gefächert", sagt Knüttel. Gemeinsam mit zwei Kollegen und einer Kollegin entwickelt sie Rezepturen, passt bestehende Materialien an neue Anforderungen an und begleitet sie durch die nächsten Prozessschritte. Besonders intensiv beschäftigt sie sich mit Rohstoffen: Sie übernimmt Analysen selbst und führt neue Prüfverfahren mit ein.
Kundenwünsche, regulatorische Vorgaben, Rohstoffbeschränkungen oder Schwierigkeiten in der Produktion – vieles landet am Ende bei der Materialentwicklung. Und die Lösung ist dabei selten offensichtlich: „Man findet nicht immer direkt den roten Faden, man muss oft dreimal um die Ecke schauen."
Erst Kunststoff, dann Kautschuk
Dass die 28-Jährige einmal in der Elastomerentwicklung landen würde, ergab sich erst mit der Zeit. Naturwissenschaften interessierten sie schon in der Schule. Nach dem Abitur entschied sie sich 2015 für ein duales Maschinenbaustudium mit der Fachrichtung Kunststofftechnik bei Woco. Während ihrer Ausbildung durchlief sie verschiedene Abteilungen, arbeitete früh auch im Labor mit und merkte schnell, dass sie Materialthemen besonders spannend findet. Als man ihr 2020 eine Stelle in der Materialentwicklung anbot, sagte Knüttel sofort zu.
Doch die neue Stelle führte Knüttel nicht dorthin, wo sie sich zunächst gesehen hatte. Nicht zu klassischen Kunststoffen also, sondern zu Elastomeren. Für sie hieß das: ein neues Fachgebiet, viel Einarbeitung, jede Menge Fragen. Ihre Kollegen rieten ihr, das Weiterbildungsstudium Kautschuktechnologie am Deutschen Institut für Kautschuktechnologie in Hannover zu belegen. Knüttel folgte dem Rat – aber nicht sofort. Erst nach ein paar Jahren im Arbeitsalltag, als sie sich ein Basiswissen zu Gummi angeeignet hatte.
Rückblickend war genau das wichtig. „Dieser Tipp war wirklich sinnvoll, denn das Weiterbildungsstudium ist umfangreich und vielfältig. Da verliert man schnell den Fokus." Wer dagegen bereits mit Elastomeren, Rezepturen, Prüfungen und Produktionsfragen arbeitet, kann die Inhalte besser einordnen – und schneller erkennen, was für die eigene Arbeit wirklich zählt.
Vom Aktenordner zum Algorithmus
Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbringt Knüttel heute mit einem Thema, das auf den ersten Blick wenig nach Gummi klingt: der Digitalisierung des Labors. Für sie ist Digitalisierung kein abstraktes Zukunftswort, sondern eine sehr konkrete Erleichterung im Alltag. Als sie im Labor anfing, wurden Laborberichte noch farbig ausgedruckt, gelocht und abgeheftet. Fielen im Vier-Augen-Prinzip kleine Fehler auf, musste der Bericht erneut gedruckt werden.
„Ohne den physischen Versuch gibt es keine Materialentwicklung“
- Janina Knüttel
Inzwischen hat sich viel verändert – auch dank Knüttels Engagement. Digitale Unterschriften, digitale Ablage, modernere Prozesse: Was früher eine Umstellung war, ist heute selbstverständlich. Mit einem neuen Laborsystem soll nun der nächste große Schritt folgen. Die vorhandene Software funktioniert zwar noch, ist aber veraltet und wird nicht mehr weiter unterstützt.
KI im Elastomerlabor – Chance und Grenze
Auch künstliche Intelligenz (KI) rückt damit näher an den Laboralltag heran. Sie soll künftig helfen, den Datenschatz der Materialentwicklung besser zu nutzen: Versuche gezielter planen, Doppelarbeit vermeiden, Rezepturvorschläge auf Basis vorhandener Ergebnisse entwickeln. „Die Datengrundlage dafür ist sehr gut, aber hier liegt auch die Herausforderung: Viele Messwerte und Informationen sind vorhanden, aber nicht immer zentral und einfach zugänglich", erklärt Knüttel.
Den physischen Versuch wird KI aus Knüttels Sicht trotzdem nicht ersetzen. Denn selbst wenn eine Prüfplatte im Technikum die geforderten Werte erfüllt, heißt das noch lange nicht, dass sich aus dem Material später problemlos ein Bauteil herstellen lässt. Entscheidend ist, ob eine Rezeptur auch in der Verarbeitung funktioniert. Oder, wie Knüttel sagt: „Im Endeffekt gibt es ohne den physischen Versuch keine Materialentwicklung."
Die Werkzeuge werden digitaler. Doch die Detektivarbeit bleibt – und der entscheidende Beweis liegt am Ende immer im Versuch.
Woco – die Fakten
Die Woco Gruppe mit Sitz in Bad Soden-Salmünster ist ein mittelständisches Familienunternehmen und globaler Anbieter von Produkt- und Systemlösungen für Dämpfung, Dichtung und Fluidsteuerung. Ein besonderer Fokus liegt auf Anwendungen für batterieelektrische Fahrzeuge. Wichtigster Abnehmer ist die Automobilindustrie, die Lösungen werden jedoch auch in anderen Industriebereichen wie der Bahn-, der Rohrleitungs- sowie der Mess- und Regeltechnik eingesetzt.