Portal für Beschäftigte in der Kautschuk- und Kunststoffindustrie

Standort Deutschland

Deutschlands wachsende Datenfabriken

KI braucht Rechenzentren: Milliarden fließen in neue Datacenter – sogar Lidl baut eines im Spreewald

von Michael Aust (weitere Autoren: Michael Stark)

· Lesezeit 4 Minuten.
Serverfarm: Das EdgeConneX-Rechenzentrum in Hessen ist rund 12.500 Quadratmeter groß. Foto: picture alliance/ZB/euroluftbild.de

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Deutschland hat bereits mehr als 2.000 Rechenzentren. 70 Großprojekte sind geplant oder im Bau, darunter Investitionen von Microsoft und der Schwarz-Gruppe, zu der auch Lidl gehört. 
  • Der Boom hat zwei Hauptgründe: wachsender Datenhunger der Industrie und der Wunsch vieler Unternehmen, ihre Daten aus geopolitischen Gründen regional zu speichern. 
  • Rechenzentren verbrauchen enorm viel Strom – 2025 waren es 21,3 Milliarden Kilowattstunden in Deutschland, mehr als doppelt so viel wie 2010. 
 

 

München. Die Tür geht auf – und die Hitze einer Sauna schlägt einem entgegen. Hinzu kommt ein fürchterliches Kreischen, so laut wie ein Passagierjet beim Start. 60 Grad Celsius und 115  Dezibel: In so einem Raum voller Hochleistungs-Rechenchips, deren Lüftung den enormen Lärm verursacht, hält niemand es lange aus. 

„Es ist wirklich unerträglich“, sagt Andreas Falkner, der sich gerade Ohrstöpsel in seine Gehörgänge gestopft hat. Er ist verantwortlich für die KI-Fabrik der Deutschen Telekom, die vor einem halben Jahr am Münchner Tucherpark in Betrieb gegangen ist. Tageslicht gibt es hier übrigens auch nicht. Die unterirdische Anlage ist laut Betreiber das größte auf Industrieanwendungen ausgerichtete Rechenzentrum Deutschlands. Eine Serverfarm der Superlative also – aber längst nicht die einzige im Land.

Deutschlands Rechenzentren wachsen rasant

Denn der Markt für Rechenzentren boomt: Mehr als 2.000 große und kleine Anlagen sind laut Wirtschaftsministerium hierzulande schon in Betrieb. Geplant oder im Bau sind einer Auswertung der Beratungen Borderstep und Grass Consulting zufolge 70 Großprojekte. Als einen „Ausbau in nie da gewesenem Tempo und Ausmaß“ beschreibt die Allianz in einem Bericht den aktuellen „Datacenter-Boom“. Zwar befindet sich die meiste Rechen-Power immer noch in der Nähe von Frankfurt – also nahe am größten deutschen Internetknoten DE-Cix. Doch andere Metropolen wie München und Berlin und auch das platte Land holen auf.

So investiert Microsoft 3,2 Milliarden Euro in drei sogenannte Hyperscaler – extrem große Rechenzentren mit riesigen Kapazitäten – in den rheinischen Städtchen Bedburg, Bergheim und Elsdorf. Und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, zieht ein Datacenter mitten im Spreewald hoch. Kosten: 11 Milliarden Euro!

Warum Unternehmen neue Rechenzentren bauen

Für diesen Bau-Boom gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens: Der Datenhunger der Industrie wächst – und Rechenzentren sind das Rückgrat der Datenökonomie. Ohne sie gibt es keine Cloud-Dienste, keine Videokonferenzen und keine neuen KI-Anwendungen.

Dass so viele Datacenter in Deutschland entstehen, hängt zweitens aber auch an der unsicheren Weltlage: Viele Unternehmen wollen ihre Daten inzwischen lieber regional speichern, um unabhängiger von geopolitischen Krisen zu werden. Etwa von Zoll-Drohungen aus den USA, wohin immer noch die meisten Daten fließen.

Milliardenschwerer Spatenstich: Im März war Baubeginn für das Microsoft-Rechenzentrum im rheinischen Bergheim. Foto: picture alliance/Bonn.digital

KI-Fabrik schützt sensible Industriedaten

Die neue KI-Fabrik in München wird diesem Wunsch nach mehr Resilienz gerecht: Hier gelten die strengen europäischen Datenschutz-Anforderungen. Betriebe, die von den hiesigen Hochleistungschips ihre 3D-Simulationen oder digitalen Zwillinge berechnen lassen, können sehr sicher sein, dass ihr Know-how das Land nicht verlässt.

So arbeitet ein Hochleistungs-Rechenzentrum

Dass Sicherheit hier großgeschrieben wird, sieht man der KI-Fabrik am Münchner Tucherpark an: Zehn Meter unter dem Eisbach gelegen, verströmt sie die Atmosphäre eines Bunkers. Hier befinden sich 14 sogenannte Pods: abgeschlossene Container-Module, in denen auf jeweils rund 80 Quadratmetern unzählige KI-Chips am Werk sind.

An jeder Tür müssen sich Mitarbeiter ausweisen. Zu den Räumen, in denen auf schrankähnlichen Gestellen Server vor sich hin surren, hat nur jeweils eine Handvoll Menschen Zugang. „Schließlich liegen hier alle Kundendaten drauf“, erklärt Projektleiter Falkner.

Abkühlung: Das Wasser des Eisbachs kühlt das Rechenzentrum der Telekom in München. Foto: KAUTSCHUK/Michael Stark

Kühlung und Rechen-Power fressen enorm viel Strom

Um die Hochleistungschips zu kühlen, wird unter anderem dem Eisbach Wasser entnommen und anschließend einige Grad wärmer zurückgegeben. Das spart rund 20 Prozent der Stromkosten. „Und Büros und ein Hotel in der Umgebung werden mit der Abwärme beheizt“, sagt Falkner.

Denn das ist die Kehrseite des Daten- und KI-Booms: Rechenzentren fressen extrem viel Energie, rund um die Uhr. Laut Bitkom lag der Stromverbrauch aller deutschen Datacenter im Vorjahr bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden – das war mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2010. Dank neuer Technologien dürften die nächsten Rechenzentren-Generationen zwar deutlich effizienter arbeiten. Klar ist aber: Den KI-Boom gibt es nicht umsonst.

 

  • PDF

Über den Autor

 Michael Aust

Michael Aust

Michael Aust berichtet als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Studium der Germanistik und Geschichte absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Magazine diverser Unternehmen arbeitete.