Standort Deutschland
Künstliche Intelligenz verändert alles
KI ist längst kein Science-Fiction mehr. Was bedeutet die Technologie jetzt für Arbeit und Alltag in Deutschland?
von Roman Winnicki, Barbara Auer (weitere Autoren: Ulrich Halasz, Nadine Keuthen)
Das Wichtigste auf einen Blick:
- KI ist längst Alltag: Navi, Streaming, Hausaufgaben, Notbremse, Maschinendiagnose, Röntgenauswertung – künstliche Intelligenz steckt überall drin.
- Riesiges Potenzial für Deutschland: Laut IW könnten bis 2034 durch KI-Einsatz zusätzliche 440 Milliarden Euro Wertschöpfung entstehen.
- Warten ist keine Strategie: IW-Ökonomin Barbara Engels ist klar: Wer KI ignoriert, überlässt anderen das Feld – und zahlt am Ende den Preis.
Mal ehrlich, liebe Leserinnen und Leser, haben wir uns das nicht alle schon mal gewünscht? Ein kleines Helferlein, das mitdenkt, das uns Rat zuflüstert – so wie das fröhliche kleine Männchen auf dieser Seite? Die Vorstellung ist nicht neu. Seit Jahrzehnten begegnen uns solche Figuren in Film und Fernsehen: der charmante C-3PO, der verlässliche R2-D2, das schlaue Auto K.I.T.T. oder auch der furchteinflößende Terminator.
KI ist längst im Alltag und in der Arbeitswelt angekommen
Heute ist KI nicht mehr bloß Kulisse, sondern wird zum Alltag. Hallo, künstliche Intelligenz! Ob auf der Arbeit oder im Alltag: KI ist überall. Das Navi kennt den schnelleren Weg, der Streamingdienst weiß, was wir als Nächstes sehen oder hören. Schüler machen Hausaufgaben mit ChatGPT. Autos, die selbst notbremsen, Maschinen, die wissen, wann sie gewartet werden müssen, Software, die Röntgenbilder präzise auswertet – alles KI.
Das größte Werkzeug aller Zeiten
Und das ist bloß der Anfang. „KI ist vermutlich die größte Revolution, die wir je hatten – größer als alle industriellen Revolutionen zuvor“, sagt Barbara Engels, Ökonomin und KI-Expertin im Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Steile These, oder? Und Engels packt noch einen obendrauf: „KI verändert vollständig, wie wir leben und arbeiten, sogar, wie wir denken. Sie wird immer selbstverständlicher.“ Oha, da kommt ja was auf uns zu. Und man fragt sich leise: Unsere Gesellschaft verunsichert, die Wirtschaft in tiefer Krise, die Welt sowieso im Chaos – und ausgerechnet jetzt auch noch eine Tech-Revolution, die alles auf links dreht? Leute, packen wir das?
Warum Deutschland bei KI jetzt Tempo machen muss
Expertin Engels meint: „Ja, kriegen wir hin – wenn wir unsere Hausaufgaben machen und vor allem auch aufs Tempo drücken.“ Was nicht heißt, dass das nächste ChatGPT aus Deutschland kommen muss. Denn: Was die KI-Grundlagenforschung angeht, sind uns Amerika und auch China weit enteilt. Aber: „Auf der Anwendungsebene sind wir sehr gut aufgestellt.“ Deutschland verfügt über eine starke Industrie. Und diese wiederum über einen immensen Datenschatz: „Wenn wir den mit künstlicher Intelligenz verweben, haben wir die Chance, im industriellen Anwendungsbereich weltweit führend zu sein.“
KI soll Fachkräftemangel und Produktivität helfen
Wie groß der Hebel ist, lässt sich auch in Zahlen fassen: Laut IW-Berechnungen könnten hierzulande schon bis 2034 durch KI-Einsatz zusätzliche 440 Milliarden Euro an Wertschöpfung entstehen. Fachkräftemangel – lahmende Produktivität – spärlich tröpfelnde Innovationen: Überall hier könnte KI ein Teil der Lösung sein. Wenn wir es richtig anstellen. „KI ist so etwas wie der größte Werkzeugkoffer aller Zeiten“, macht Expertin Engels klar. Die passenden Werkzeuge an der richtigen Stelle einzusetzen – auch davon hänge zukünftig Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ab.
Beschäftigte müssen KI verstehen und gestalten lernen
Dafür müssten wir lernen, KI nicht nur zu nutzen, sondern auch zu verstehen und zu gestalten. Abwarten ist für Engels jedenfalls keine Option. „KI kann man nicht mehr kleinhoffen. Sie ist da – und wenn wir sie nicht nutzen, dann macht es jemand anderes. Und das auch zu unserem Nachteil.
Wo und wie KI bei uns schon munter im Einsatz ist, das haben wir in diesem Schwerpunkt zusammengetragen. Und einen Blick riskiert auf das, was da noch so kommt.
Industrie – Strategien verbessern
Bitte nicht wundern, wenn KI im Industriebetrieb auch Entscheidungen übernimmt – natürlich nach festgelegten Regeln
Beispiel: Ein Fertigungs-KI-Agent, der Zugriff auf alle Produktionsdaten und Aufträge hat, erledigt die komplette Fertigungs- und Einsatzplanung. Und bestellt sogar die Ersatzteile. Kollege Mensch muss nur noch bestätigen. Das gibt’s in Teilen der Industrie bereits heute. Aber: Da geht noch viel mehr!
Was KI in der Industrie schon heute plant
Zwar setzen laut Digitalverband Bitkom schon 42 Prozent der deutschen Industrieunternehmen KI in irgendeiner Form in der Produktion ein. Aber: Die Betriebe steigern damit bisher oft nur die Effizienz in einzelnen Bereichen. Strategische Effekte bleiben dann aus. Nur 5 Prozent der hiesigen Unternehmen nutzen KI auch schon ganz gezielt für neue Geschäftsmodelle oder tiefgreifende organisatorische Veränderungen.
In anderen Staaten liegt dieser Anteil deutlich höher, in Großbritannien zum Beispiel mehr als doppelt so hoch. Das zeigte eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte. Das trägt mit dazu bei, dass Deutschland im internationalen Vergleich etwas hinterherhinkt, wenn man das übergeordnete Thema Industrie 4.0 betrachtet: Hier sieht knapp die Hälfte der von Bitkom befragten Unternehmen unser Land als Nachzügler. Die meisten halten China für den Spitzenreiter, gefolgt von den USA.
Was den KI-Einsatz in deutschen Betrieben bremst
Was bremst, ist einerseits die wirtschaftliche Lage: Gerade die Industrie steckt in einer zähen Krise. Andererseits hemmen die Rahmenbedingungen. Was den Firmen laut Bitkom-Umfrage am meisten helfen würde, den KI-Turbo einzulegen: unter anderem ein sicherer Rechtsrahmen – mit weniger Regulierung.
Forschung – besser dran
Die Ideen sind da. Nur bei den Produkten wird es oft noch dünn
In der Metall- und Elektro-Industrie und in anderen Industriebranchen zeigt sich schon, was KI in Forschung und Entwicklung (F&E) bringen kann: Sie wertet Versuchsdaten aus, simuliert neue Materialien, prüft Konstruktionen, bevor ein Prototyp entsteht. Das alles spart Zeit und senkt Kosten.
Doch zwischen Labor und Markt bleibt oft noch eine Lücke. Während Firmen in den USA und in China Forschung häufiger in Produkte übersetzen, gelingt das hierzulande bisher seltener. Ob aus Forschung mehr wird als Erkenntnis, das zeigt sich an Patenten und Gründungen.
Die Zahl der KI-Patentanmeldungen für Deutschland ist seit 2019 immerhin um rund 40 Prozent gestiegen. Und der Startup-Verband meldet 3.568 Neugründungen für 2025, das waren 29 Prozent mehr als 2024. Bei jeder vierten Gründung hierzulande ist KI zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells. Die Dynamik wächst – jetzt muss sie sich im Markt beweisen.
Gesundheit – länger fit bleiben
Teams aus Ärzten und KI machen viel genauere Diagnosen als bisher
Das zeigen Studien. In Praxen und Kliniken wird KI schon punktuell eingesetzt, zum Beispiel, um Röntgenbilder zu analysieren, Gewebeproben auszuwerten oder Vitalwerte zu überwachen. KI unterstützt auch bei Operationen. Und sie formuliert Arztbriefe vor, strukturiert Befunde, dokumentiert Gespräche.
Zur Diagnoseunterstützung und bei Behandlungsprozessen ist KI aber bisher nur in 12 Prozent der Arztpraxen und in 18 Prozent der Kliniken im Einsatz. Das ergab eine Bitkom-Umfrage unter Ärzten. 82 Prozent dieser Mediziner meinten: Deutschland hängt bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems im Vergleich zu anderen Staaten zurück.
Die Zulassung KI-gestützter Medizinprodukte läuft übrigens in den USA oft viel schneller als in Europa. Bei uns bremsen vor allem langsame Zulassungsverfahren und höhere regulatorische Hürden. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zeigt, dass in Deutschland KI eher in einzelnen Anwendungen eingesetzt wird – es gibt keine einheitliche nationale KI-Strategie speziell fürs Gesundheitswesen. So eine Strategie haben in Europa erst wenige Länder, darunter Frankreich, Finnland und Schweden.
Mit KI Gesundheitsrisiken früher erkennen
Dabei liegt in der KI sehr viel Potenzial für unser Gesundheitssystem! Etwa, damit wir schlimme Krankheiten gar nicht erst bekommen: KI-Systeme können Krankheitsrisiken wohl schon bald früher, genauer und individueller erkennen als klassische Prävention.
Das sieht dann zum Beispiel so aus: Bernd (52) ist Herzinfarkt-Risikoperson. Ein KI-System gleicht daher laufend die Infos seines Fitness-Trackers und der elektronischen Patientenakte sowie seine Daten zu Stress und Bewegung ab. Und warnt frühzeitig, falls das Risiko sich stark erhöht.
Logistik – schneller da
„Ihr Paket kommt zwischen 13:14 und 13:24 Uhr“
Wenn die Sendungsverfolgung so genau ankündigt, wann es klingelt, steckt KI dahinter. Genauso, wenn ein Lager nachordert, bevor Regale leer sind. Oder wenn ein Lkw schon vor der Abfahrt die effizienteste Route kennt.
Deutschland bringt dafür gute Voraussetzungen mit: Im Logistics Performance Index der Weltbank, der die logistische Leistungsfähigkeit bewertet, liegt die Bundesrepublik auf Platz drei von 139 Staaten. Doch beim KI-Einsatz gibt es Nachholbedarf.
Laut IW nutzt bisher nur ein knappes Viertel der Unternehmen aus Großhandel und Logistik KI – so wenige sind es in keiner anderen untersuchten Branche. Und auch in der innerbetrieblichen Logistik spielt KI bislang kaum eine Rolle.
Dort, wo Unternehmen ihre Warenflüsse intern steuern, vom Lager bis zur Auslieferung, liegt die KI-Einsatz-Quote bei lediglich 4,9 Prozent. „KI könnte gerade in der Logistik enorme Hebel ansetzen – doch vielen Betrieben fehlen die Datenqualität und das Know-how, um überhaupt loszulegen“, sagt IW-Ökonomin Barbara Engels.
Bildung – gezielter fördern
Künftig Lebenscoach statt „nur“ Lehrkraft?!
KI kann im Schulalltag für Entlastung der Lehrer sorgen, klar. Doch das ist ein Balanceakt zwischen dem sinnvollen Einsatz der Technologie im Unterricht – und der Befürchtung, dass Schüler deshalb grundlegende Fähigkeiten nicht mehr selbst erlernen. Kritisches Denken, Informationsquellen einordnen? Da machen sich Lehrkräfte laut dem Deutschen Schulbarometer große Sorgen.
Über die Hälfte rechnet hier mit negativen Folgen, wenn KI Einzug ins Klassenzimmer hält. Wobei es den meisten Lehrkräften selbst an digitalen Skills mangelt: Nur 38 Prozent der Befragten fühlen sich im Umgang mit KI-Tools im Beruf sicher. So wundert es nicht, dass eine knappe Mehrheit Forbildungen fordert, etwa dazu, wie KI die Unterrichtsgestaltung erleichtern kann.
Doch es geht da um noch mehr: Durch den Einsatz von KI in der Bildung wird die klassische Rolle der Lehrkräfte infrage gestellt. Ist es nicht sinnvoll, dass die KI mal schnell das passende Gedicht für eine Deutsch-Analyse raussucht? Damit hätten Lehrer mehr Zeit für ihre pädagogische Arbeit. Und sogar dabei kann KI unterstützen, etwa bei der individuellen Förderung.
Genau hier sehen die Lehrer laut Befragung das größte Potenzial von KI: Mit den neuen Tools können diagnostische Informationen über den Lernstand und die speziellen Herausforderungen einzelner Schüler schneller und präziser erhoben werden. Damit KI als Werkzeug im Schulkontext gut funktionieren kann, braucht es mehr digitale Kompetenzen – bei Lehren, Schülern und Eltern.
Wir haben da noch Nachholbedarf, wie der Bitkom-DESI-Index zeigt: Wenn es um die digitalen Skills geht, erreicht Deutschland im EU-Vergleich lediglich Platz 15.
Über die Autoren
Roman Winnicki
Redakteur
Sprachen waren seine erste Schwäche: Roman Winnicki studierte Polnisch und Italienisch. Doch auch mit Zahlen fühlt er sich wohl, weshalb ein VWL-Studium folgte. Beruflich war er unter anderem in Wirtschafts- und Fachverlagen tätig, berichtete über Kunststoff- und Kautschukmärkte und war nebenbei als Übersetzer tätig. Seit 2023 verantwortet er die Redaktion des KAUTSCHUK-Magazins. Privat frönt er der „Fußlümmelei“: Wann immer es geht, haut er das Runde ins Eckige
Barbara Auer
Barbara Auer berichtet direkt aus dem Südwesten über die dortige Industrie. Nach dem Studium der Sozialwissenschaft mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre volontierte sie beim „Münchner Merkur“. Wenn Barbara mal nicht fürs Kautschuk-Magazin oder andere Arbeitnehmer-Medien im Einsatz ist, streift sie gerne durch Wiesen und Wälder – und fotografiert und filmt dabei, von der Blume bis zur Landschaft