Chefgespräche
Der unterschätzte Rohstoff
Die Daten liegen längst vor, doch nicht jeder Betrieb wertet sie richtig aus. Was die Kautschukbranche damit verschenkt
von Roman Winnicki
Das Wichtigste auf einen Blick:
- KI könnte die Rezepturentwicklung revolutionieren: Statt zehn Labortests wären vielleicht nur noch zwei nötig – wenn Algorithmen Mischungen vorab berechnen.
- Digitale Prozesssteuerung zahlt sich aus: Wer Produktionsdaten erfasst, sieht sofort, wo Maschinen ineffizient laufen, Ausschuss entsteht und Energie verschwendet wird.
- Belegschaft mitnehmen ist Pflicht: Neue Systeme funktionieren nur, wenn die Menschen in der Produktion verstehen, warum die Umstellung sinnvoll ist – und dahinterstehen.
Nienburg/Weser. Kein Glaspalast, kein hipper Co-Working-Space: In einem unscheinbaren Haus in einer ruhigen Wohngegend von Nienburg entwickelt die CT Datentechnik GmbH spezielle Software für die Gummi-Industrie weltweit. Seit März führt Henrik Löffler das Unternehmen – mit nur 31 Jahren. Im Chefgespräch erklärt der neue Geschäftsführer, wie Prozessdaten helfen können, Mischräume effizienter zu machen, warum die Branche bei der Digitalisierung noch vorsichtig ist und welches Potenzial künstliche Intelligenz künftig bieten wird.
Herr Löffler, Sie erwerben die CT Datentechnik von Ihrem ehemaligen Chef Christian May. Wie kam es dazu?
Löffler: Christian May ist vor etwa einem Jahr auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, in die Geschäftsführung einzusteigen. Wir haben uns dann intensiv mit diesem Schritt beschäftigt und sind schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass ich die Gesellschaft erwerbe. Natürlich ist das ein großer Schritt. Aber ich komme nicht von außen: Ich bin seit zehn Jahren im Unternehmen, habe hier 2016 mit meinem dualen Elektrotechnikstudium angefangen und mich anschließend berufsbegleitend in Informatik und Kautschuktechnologie weitergebildet. Deshalb kenne ich unsere Kunden und die Branche sehr gut. Das gibt mir Sicherheit. Die Übergabe ist inzwischen offiziell und Herr May wird sich sukzessive aus der Geschäftsführung zurückziehen.
Am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn stand ein Zeitungsartikel. Erzählen Sie uns die Geschichte dahinter.
Löffler: Ich habe nach dem Abitur ein Auslandsjahr gemacht, Work and Travel in Australien. Meine Mutter hat mir damals einen Zeitungsartikel über das Unternehmen geschickt. Als ich ihn gelesen habe, dachte ich sofort: Das passt irgendwie zu mir. Ich war noch nie ein Fan von großen Konzernen. Familiär, überschaubar, mit echtem Fachthema – das hat mich angesprochen. Ich habe mich von Australien aus beworben, nach meiner Rückkehr ein Praktikum gemacht und dann hat es auch gleich mit dem dualen Studium geklappt.
Sie sind damit in einer sehr speziellen Nische gelandet. Womit genau beschäftigt sich CT Datentechnik?
Löffler: Wir entwickeln Software für die Gummi-Industrie – primär für den Bereich der technischen Elastomererzeugnisse, also nicht Reifen, sondern technische Gummiteile. Unser Kernprodukt sind Prozessleitsysteme für den Mischraum. Wir steuern alles, was zwischen der SPS – also der direkten Maschinenautomatisierung – und dem ERP-System, der übergeordneten Unternehmenssoftware, liegt. Das ist ein großer Bereich: Rezepturverwaltung, Produktionssteuerung, Betriebsdatenerfassung, Qualitätsdokumentation. Und wir haben über 35 Jahre Know-how in diesem Bereich aufgebaut. Viele Mischräume in Deutschland und weltweit kennen wir sehr gut.
Wie digital ist die Branche aufgestellt – ehrlich gesagt?
Löffler: Sehr unterschiedlich. Es gibt Betriebe, die auf einem modernen Stand sind. Es gibt aber auch solche, die noch mit Begleitscheinen arbeiten – also mit Papier, das den Auftrag durch die Produktion begleitet. In solchen Betrieben ist eine Modernisierung aus unserer Sicht dringend notwendig. Natürlich ist das auch eine Frage der Liquidität. Gerade in der aktuell wirtschaftlich schwierigen Zeit investieren viele Unternehmen sehr zurückhaltend. Trotzdem gibt es auch Neukunden, bei denen große Projekte realisiert werden. Meiner Meinung nach sollte man gerade jetzt nicht zu lange zögern, weil sich ineffiziente Prozesse am Ende auch auf die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit auswirken.
Was gewinnt ein Betrieb, wenn der Begleitschein durch digitale Daten ersetzt wird?
Löffler: Ein Betrieb kann damit zunächst nachvollziehen, welche Rohstoffe in welcher Mischung und Charge verarbeitet wurden. Das ist allein schon wegen gesetzlicher Vorgaben wichtig. Gleichzeitig hinterlegt die Software die Rezeptur und die dazugehörigen Verfahrensparameter, etwa Temperatur und Mischdauer. Sie erfasst außerdem Betriebsdaten wie Auftragszeiten und Störgründe. So sieht der Produktionsleiter, wie effizient eine Maschine oder Mischlinie arbeitet, wie lange ein Auftrag dauert und warum es zu Stillständen kommt. Die Daten lassen sich zudem mit anderen Systemen, etwa der Laborverwaltung, verknüpfen. Dadurch können die Verantwortlichen prüfen, wo sich Abläufe verbessern, Ausschuss reduzieren und die Qualität steigern lassen.
Ihre Software erfasst zahlreiche Produktionsdaten. Ist damit die Grundlage für künftige KI-Anwendungen gelegt?
Löffler: Zunächst einmal: Die Daten gehören nicht uns, sondern natürlich unseren Kunden. Sie werden auf einem Server gespeichert, den der jeweilige Betrieb bereitstellt – sie landen also nicht bei uns oder in einer Cloud. Grundsätzlich erfassen unsere Systeme viele Daten, die später als Grundlage für KI-Anwendungen dienen könnten. Ich glaube, die Kautschukindustrie hat hier enormes Potenzial. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Branche bei Innovationen noch eher vorsichtig und konservativ ist. Das muss und wird sich ändern.
Sie sprechen von großem Potenzial. Wo könnte KI in einem Gummibetrieb den Unterschied machen?
Löffler: Ich sehe zwei große Hebel. Ein Ansatzpunkt ist die Rezepturentwicklung. Ich glaube, dass sich dort viel Zeit einsparen lässt. Wie komplex das Ganze ist, können wir als Softwareanbieter nur schwer beurteilen. Hier kommen viele Variablen ins Spiel, etwa schwankende Rohstoffqualität oder Mitarbeiter, die Prozesse unterschiedlich einhalten. Dafür fehlt uns das nötige Fachwissen. Wir brauchen dafür das Know-how unserer Kunden, insbesondere der Rezepturentwickler. Das wäre ein übergeordnetes Ziel, das man in Meilensteinen angehen müsste: zunächst zu prüfen, ob sich bestimmte Laborkennzahlen vorhersagen lassen. Wenn das funktioniert, könnte man vielleicht eine Mischung für ein neues Produkt vorausberechnen und anschließend nur noch zwei statt zehn Tests im Labor durchführen. Das wäre ein riesiger Fortschritt.
Was ist der zweite mögliche Hebel?
Löffler: Der zweite Hebel liegt im Mischprozess. Im Innenmischer erfassen Sensoren wichtige Größen, um den Prozess nach einem vorgegebenen Programm zu steuern. Die Mischgüte selbst lässt sich aber nicht direkt beobachten. Ein sogenannter Software-Sensor könnte die Messwerte vergangener Mischungen mithilfe eines Algorithmus auswerten und erkennen, ob eine Mischung vielleicht zehn Sekunden früher fertig ist. Auf alle Chargen hochgerechnet, ließen sich so mehr Produkte herstellen und zugleich Energie sparen. Das wäre auch für die Nachhaltigkeit ein Vorteil.
Was raten Sie Unternehmen, die bei Digitalisierung und KI noch am Anfang stehen?
Löffler: In den Dialog gehen und anfangen, Daten zu erfassen. Viele Betriebe haben bereits Daten, aber oft fehlen Zeit und Personal, um sie auszuwerten. Dabei lassen sich manchmal schon mit einfachsten Analysen Verbesserungen erreichen. Das geht auch ohne KI und große Investitionen. Und was oft vergessen wird: Man muss die Belegschaft mitnehmen, wenn ein neues System eingeführt wird. Es darf nicht einfach von oben verordnet sein. Die Menschen in der Produktion müssen verstehen, warum das Sinn macht, und dahinterstehen. Dann funktioniert es auch.
CT Datentechnik – die Fakten
Die CT Datentechnik GmbH mit Sitz in Nienburg entwickelt seit mehr als 35 Jahren Prozessleitsoftware für Kautschukbetriebe auf der ganzen Welt. Das Unternehmen ist vor allem auf technische Elastomererzeugnisse spezialisiert und bietet Lösungen für Rezepturverwaltung, Produktionssteuerung, Betriebsdatenerfassung und Qualitätsdokumentation. 15 Mitarbeiter gehören zum Team, das seit März von Henrik Löffler geführt wird.
Über den Autor
Roman Winnicki
Redakteur
Sprachen waren seine erste Schwäche: Roman Winnicki studierte Polnisch und Italienisch. Doch auch mit Zahlen fühlt er sich wohl, weshalb ein VWL-Studium folgte. Beruflich war er unter anderem in Wirtschafts- und Fachverlagen tätig, berichtete über Kunststoff- und Kautschukmärkte und war nebenbei als Übersetzer tätig. Seit 2023 verantwortet er die Redaktion des KAUTSCHUK-Magazins. Privat frönt er der „Fußlümmelei“: Wann immer es geht, haut er das Runde ins Eckige