Chefgespräche
Aus Rest wird Stoff
300 Millionen Euro für chemisches Recycling: Warum LyondellBasell ausgerechnet in Wesseling investiert
von Roman Winnicki
Das Wichtigste in Kürze:
- LyondellBasell investiert rund 300 Millionen Euro in eine Anlage für chemisches Recycling am Standort Wesseling – wegen Infrastruktur, Fachkräften und industrieller Nähe
- Die Technologie schließt die Recyclinglücke: Kunststoffe, die heute verbrannt werden, sollen wieder als Rohstoff in den Kreislauf zurückfließen
- Werkleiter Dr. Daniel Koch sieht Wesseling als künftigen Referenzstandort für Kreislaufwirtschaft – und will beweisen, dass die Technologie wirtschaftlich trägt.
Wesseling. Aus Kunststoffabfällen sollen wieder Rohstoffe werden. Dafür investiert das Chemieunternehmen LyondellBasell in Wesseling rund 300 Millionen Euro in eine Anlage für chemisches Recycling. Im Chefgespräch erklärt der Werkleiter Dr. Daniel Koch, warum der Standort den Zuschlag bekam – und was die Technologie für die Kreislaufwirtschaft leisten kann.
Herr Koch, Wesseling wird zum Standort einer strategischen Großinvestition in chemisches Recycling. Warum gerade dort?
Der Verbundstandort Wesseling-Knapsack ist unser größter Standort in Europa. Er ist hoch integriert. Wir betreiben hier sogenannte Cracker, also Anlagen, die das Bindeglied zwischen Raffinerie und dem Rest der chemischen Industrie bilden. Hinzu kommen die Kunststoffproduktion und die komplette Logistik für Rohstoffe und Produkte. Unsere MoReTec-Anlage für chemisches Recycling passt genau in dieses Umfeld, weil wir die entstehenden Produkte – etwa Pyrolyseöl – direkt weiterverarbeiten können. Auch Nebenprodukte wie Gase lassen sich in bestehende Prozesse einspeisen.
Warum braucht es eine Technologie wie MoReTec, wenn es bereits mechanisches Recycling gibt?
Mechanisches Recycling ist ein wichtiger Baustein – aber es reicht nicht aus. Heute werden nur etwa 25 bis 30 Prozent der Kunststoffabfälle mechanisch recycelt. Das liegt vor allem an den Materialien. Ein großer Teil der Verpackungen besteht aus Folien oder Verbundstoffen, etwa bei Chipstüten, bei denen Kunststoff und Metall miteinander verbunden sind. Solche Materialien lassen sich mechanisch kaum trennen und werden deshalb häufig zur Energieerzeugung verbrannt.
Und hier setzt das chemische Recycling an?
Genau. Wir zerlegen die Kunststoffabfälle damit wieder in ihre chemischen Bausteine und führen sie zurück in den Produktionsprozess. Die so entstehenden Kunststoffe sind von Neuware nicht zu unterscheiden und können auch wieder in sensiblen Bereichen eingesetzt werden, etwa für Lebensmittelverpackungen oder in der Medizin. Unser Ziel ist es, diese Recyclinglücke zu schließen. Von den Abfällen, die heute verbrannt werden, können wir so einen Großteil wieder in den Kreislauf zurückführen.
Wie groß ist das Potenzial dieses Verfahrens für Europas Kreislaufwirtschaft?
Wir gehen davon aus, dass wir rund 85 Prozent der Abfälle, die heute thermisch verwertet werden, wieder in den Prozess zurückführen können. Das ist eine erhebliche Menge. Gleichzeitig muss man die Dimension einordnen: Die Anlage verarbeitet 50.000 Tonnen Kunststoffabfälle pro Jahr – das entspricht etwa dem Kunststoffverpackungsabfall von 1,2 Millionen Menschen. Klingt nach viel, ist für unsere Maßstäbe aber nur eine Art Pilotierung. Die nächsten Anlagen, die wir planen, werden deutlich größer. Für Europa steckt darin ein großes Potenzial. Im Bereich Kreislaufwirtschaft können wir unsere Führungsrolle ausbauen – gerade im Wettbewerb mit Regionen, die bei Energie- und Rohstoffkosten im Vorteil sind. Gleichzeitig kann diese Technologie helfen, unabhängiger von fossilen Rohstoffen zu werden, weil wir Abfälle wieder als Rohstoff nutzen.
Die Technologie ist also da. Wo klemmt es noch?
Ein wichtiger Punkt ist die Regulierung – und da vor allem die Geschwindigkeit. Genehmigungsverfahren dauern hierzulande oft sehr lange. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil. Das liegt nicht daran, dass die Behörden nicht wollen, sondern oft auch daran, dass die personellen Kapazitäten begrenzt sind.
Wie sieht es bei der Nachfrage aus?
Chemisches Recycling ist keine günstige Technologie. Damit sich ein Markt entwickelt, braucht es Anreize – etwa durch Quoten für Recyclingmaterial in Produkten. Das schafft Nachfrage und gibt Investitionssicherheit. Und schließlich sind da noch die Energiekosten. Während sich schwankende Rohstoffpreise global angleichen, gilt das für Strom nicht: Hohe Energiepreise treffen uns hier direkt. Langfristig muss sich die Technologie aber selbst tragen. Dauerhaft erfolgreich wird sie nur, wenn sie auch wirtschaftlich wettbewerbsfähig ist.
Sind die aktuellen Ziele der EU für verbindliche Rezyklatquoten ausreichend, um die Sache hier wirtschaftlich zu machen?
Die verbindlichen Quoten sind ein wichtiger Hebel, aber für sich genommen noch nicht ausreichend, um die Wirtschaftlichkeit einer Anlage wie unserer dauerhaft sicherzustellen. Entscheidend sind zusätzlich klare und verlässliche Regeln zur Anrechnung beziehungsweise Anerkennung von recycelten Inhalten – auch für chemisches Recycling – sowie planbare Rahmenbedingungen über lange Investitionszyklen.
Wo liegen für Sie die größten Hebel, um Kunststoffe klimafreundlicher zu machen?
Für uns gibt es nicht den einen Hebel. Wir setzen auf mehrere Wege, um unsere Klimaziele zu erreichen. Dazu gehören mechanisches Recycling, chemisches Recycling und biobasierte Rohstoffe. Diese Ansätze sind für uns gleichwertige Bausteine. Biobasierte Rohstoffe aus nachwachsenden Quellen setzen wir schon heute ein und verarbeiten sie in unseren Anlagen. Gemeinsam helfen alle Wege dabei, fossile Rohstoffe zu ersetzen und damit auch den CO2-Fußabdruck zu senken.
Wo soll der Standort in einigen Jahren stehen?
Wesseling soll ein Referenzstandort für Kreislaufwirtschaft werden. Wir bauen hier gerade ein Leuchtturmprojekt, wollen daraus aber eine Leuchtturmanlage machen. In fünf oder zehn Jahren sollte man – auch über LyondellBasell hinaus – sehen können, dass diese Technologie möglich ist, dass sie wirtschaftlich ist und dass auch andere Unternehmen diesen Weg einschlagen. Aus meiner Sicht machen das heute noch zu wenige. Ich würde mir wünschen, dass die Technologie dann etabliert ist und dass man auf unsere Anlage schaut und sagt: Sie läuft stabil und produziert genau das, was Kunden und Gesellschaft brauchen. Und natürlich wäre es schön, wenn dann auch schon die zweite Anlage hier stünde.
Und persönlich?
Mich begleitet ein Satz, der Mark Twain zugeschrieben wird: „In 20 Jahren bereut man nicht das, was man getan hat, sondern das, was man nicht getan hat." Das war für mich tatsächlich auch ein Grund, zu LyondellBasell zu kommen. Hier habe ich die Chance, Teil eines Teams zu sein, das so ein Projekt aufbaut. Und ich glaube, ich hätte es irgendwann bereut, wenn ich diese Chance nicht ergriffen hätte.
LyondellBasell – die Fakten
Das Unternehmen LyondellBasell zählt zu den führenden Herstellern von Kunststoffen, Chemikalien und Kraftstoffen und beschäftigt weltweit rund 19.000 Mitarbeitende. In Wesseling, südlich von Köln gelegen, ist einer der größten Standorte: Mehr als 1.800 Beschäftigte, darunter etwa 170 Auszubildende, produzieren dort Polyolefine als Grieß und Granulat. Außerdem entsteht hier eine Anlage für chemisches Recycling, die jährlich rund 50.000 Tonnen Kunststoffabfälle zurück in den Rohstoffkreislauf führen soll.
Über den Autor
Roman Winnicki
Redakteur
Sprachen waren seine erste Schwäche: Roman Winnicki studierte Polnisch und Italienisch. Doch auch mit Zahlen fühlt er sich wohl, weshalb ein VWL-Studium folgte. Beruflich war er unter anderem in Wirtschafts- und Fachverlagen tätig, berichtete über Kunststoff- und Kautschukmärkte und war nebenbei als Übersetzer tätig. Seit 2023 verantwortet er die Redaktion des KAUTSCHUK-Magazins. Privat frönt er der „Fußlümmelei“: Wann immer es geht, haut er das Runde ins Eckige