Chefgespräche
„Die Rennstrecke ist unser Outdoor-Labor“
Pirelli Deutschland-Chef Wolfgang Meier über Hightech im Reifen, Nachhaltigkeit und Deutschland als Investitionsstandort
von Isabel Link
Breuberg. Der deutsche Pirelli-Standort im Odenwälder Breuberg gilt als Keimzelle für Reifeninnovationen auf höchstem technischen Niveau. Wir haben mit Pirelli-Deutschlandchef Wolfgang Meier über den Einfluss der Formel 1 auf die Reifenentwicklung, Nachhaltigkeit in der Reifenindustrie und die Zukunft des Unternehmens in Deutschland gesprochen.
Herr Meier, wie nehmen Sie die aktuelle Lage der Automobilindustrie wahr? Stabilisiert sich die Branche oder ist der jüngste Aufschwung nur ein Strohfeuer?
Ich glaube nicht, dass wir bei der aktuellen Konjunktur von einem Strohfeuer sprechen können. Die Automobilindustrie befindet sich aber weiterhin mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Entscheidend für die Stabilisierung der Branche wird sein, dass diese Transformation mit einer für Unternehmen stemmbaren Geschwindigkeit stattfindet.
Das Stichwort „Transformation” führt uns direkt zu einem Zukunftsprodukt, an dem Pirelli forscht: dem „Cyber Tyre”. Was genau verbirgt sich dahinter?
Der Cyber Tyre ist die Digitalisierung des Reifens. Er ist mit Sensoren ausgestattet, die beispielsweise die Straßenbeschaffenheit oder das Fahrverhalten erkennen. Der Reifen registriert, ob das Fahrzeug bremst oder beschleunigt, und erkennt Nässe, Eisbildung oder andere Umwelteinflüsse auf der Straße. Heutzutage weiß Ihr Auto nicht, mit welchen Reifen Sie unterwegs sind und wie viele Kilometer Sie damit bereits gefahren sind. Die Sensoren im Cyber Tyre registrieren all diese Details jedoch und informieren Sie beispielsweise, wenn Ihre Reifen die Verschleißgrenze erreicht haben. Auch für das Bremsverhalten sind diese Daten wichtig. Ein Sommerreifen hat einen ganz anderen Rollwiderstand als ein Winter- oder Alljahresreifen. Der Cyber Tyre ist sozusagen das technologische Upgrade für Reifen.
Ist der digitale Reifen eine Vorbereitung auf autonomes Fahren?
Er lässt sich zwar sehr gut in das Umfeld des autonomen Fahrens integrieren, wurde aber nicht ausschließlich dafür entwickelt. Sein Nutzen reicht deutlich darüber hinaus.
Wie stark profitiert der Serienreifen von der Formel 1?
Sehr stark. Die Rennstrecke ist sozusagen unser Outdoor-Labor und deshalb lautet unser Ansatz „Race to Road“. Reifen, die im Motorsport zum Einsatz kommen, müssen extremen Bedingungen standhalten. Witterung, Temperaturen, Fahrmanöver. Dabei lernen wir, was technisch möglich ist, und übertragen dieses Wissen auf die Straße. Auch Elektroautos stellen neue Anforderungen an Reifen.
Worauf kommt es dabei an?
Reifen für Elektroautos müssen vor allem leistungsfähig sein. Die Fahrzeuge sind schwerer, beschleunigen schneller und die Reichweite ist ein zentrales Thema. Ein solcher Pneu muss hohe Lasten sicher tragen, leise sein und zugleich einen niedrigen Rollwiderstand haben. Deshalb sind viele E-Reifen als Heavy-Load-Reifen ausgelegt. Wir kennzeichnen sie mit einem speziellen ‚Elect‘-Symbol und haben bereits rund 800 Homologationen für Elektrofahrzeuge.
Andere Reifenhersteller bauen Kapazitäten ab oder ziehen sich ganz aus Deutschland zurück. Pirelli hingegen investiert weiter in sein Werk im Odenwald. Woher kommt dieses Vertrauen in die Zukunft Deutschlands als Industriestandort?
Das Vertrauen in den Standort ist über Jahrzehnte gewachsen. In Breuberg werden seit 120 Jahren Reifen hergestellt. Als der Standort in den 1980ern neben Mailand auch zum Hauptproduktions- und Entwicklungsstandort für Premiumreifen für Autos und Motorräder im Pirelli-Konzern wurde, hat er sich kontinuierlich weiterentwickelt. Pirelli Deutschland ist heute weit mehr als eine Fabrik: Wir sind ein Entwicklungszentrum für die deutsche Automobilindustrie. Die Spezifikationen, die wir hier erschaffen, gehen nicht nur in die deutschen Werke der Automobilbauer, sondern in deren Werke auf der ganzen Welt.
Hohe Lohnkosten, viel Bürokratie und ein Industriestrompreis, der im vergangenen Jahr wieder gestiegen ist: Wann wird Deutschland für Pirelli zu teuer?
Natürlich müssen wir wirtschaftlich arbeiten. Als ich Mitte der 1990er Jahre bei Pirelli angefangen habe, waren die Lohnkosten aber auch schon hoch. Zudem produzieren wir weder im Pkw- noch im Motorradbereich Massenware. Unsere Produkte sind technologisch äußerst anspruchsvoll und immer an der Spitze dessen, was im Reifenbereich möglich ist. Der Standort Deutschland funktioniert nur mit technologiereichen Produkten, mit denen sich am Markt auch ein entsprechender Wert erzielen lässt. Neben der Technologie spielt Nachhaltigkeit eine herausragende Rolle. So werden für die Reifenproduktion bereits diverse Ersatzstoffe aus der Natur genutzt, zum Beispiel Reisschalen.
Was genau machen Sie damit?
Reisschalen sind ein Abfallprodukt der Reisproduktion. Bei ihrer Verbrennung entsteht weißer Ruß, Silica genannt, ein zentraler Zusatzstoff in der Reifenherstellung. Dieses Verfahren ist deutlich energieeffizienter, als Silica aus Quarzsand zu gewinnen. Außerdem verwenden wir Lignin, ein Nebenprodukt der Papierindustrie. Eines unserer Flagship-Produkte, der P Zero E, besteht heute bereits zu über 55 Prozent aus erneuerten und recycelten Materialien. Gemeinsam mit Land Rover haben wir sogar einen P Zero mit einem Anteil von mehr als 70 Prozent entwickelt. Unser Ziel ist klar: Bis 2030 sollen alle neuen Produkte aus der Top-Range mindestens 80 Prozent nachhaltige Materialien enthalten.
Das ist ein Statement!
Absolut. Bis 2030 wollen wir CO2-neutral sein. Und bis 2040 streben wir Net Zero an – also Netto-Null bei allen Treibhausgasen, inklusive Lieferkette. Nachhaltigkeit ist für uns kein Nebenthema, sondern zentraler Bestandteil unserer Geschäftsstrategie. Denn so wird die Reifenproduktion in Deutschland in 15 Jahren aussehen: nachhaltig, digital, automatisiert und technologiereich.
Pirelli Deutschland – die Fakten
Pirelli ist einer der weltweit führenden Reifenhersteller für Pkws, vor allem im Premiumsegment. Am Standort Breuberg (Odenwald) werden neben Pkw- auch Motorradreifen hergestellt. Gegründet 1872 in Mailand, Italien, ist der Reifenkonzern aktuell in über 160 Ländern der Welt mit seinen Produkten präsent und fertigt an 18 Produktionsstandorten in zwölf Ländern. Die jährliche Produktionskapazität liegt bei etwa 74 Millionen Pkw-Reifen. Pirelli beschäftigt in Breuberg und der Vertriebszentrale in München rund 2.500 Mitarbeitende.