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Chefgespräche

Sichtbarkeit entscheidet

Warum Frauen in Technikberufen dort fehlen, wo Karrieren entstehen, erklärt Cristina Bergmann vom DKG-Frauennetzwerk

von Roman Winnicki

· Lesezeit 5 Minuten.
Sommerlicher Auftakt: Auf der Deutschen Kautschuk-Tagung in Nürnberg wurde am 27. Juni 2022 das DKG-Frauennetzwerk gegründet. Foto: wuesten@fototag.de

Hamburg. Seit über zwei Jahrzehnten ist die promovierte Chemikerin Cristina Bergmann in der Kautschukindustrie unterwegs, heute als Business Development Director bei Ergon International. Stationen bei Continental, Rhein Chemie und Hansen & Rosenthal sowie ihre neunjährige Tätigkeit im Vorstand der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft (DKG), davon drei Jahre als Vorsitzende, haben sie zu einer der profiliertesten Stimmen der Branche gemacht. Seit vier Jahren leitet sie zudem das DKG-Frauennetzwerk. Im Chefgespräch erklärt sie, warum Frauen der Branche fehlen und was sich ändern muss. 

Frau Bergmann, was ist die Idee hinter dem Frauennetzwerk der DKG?

Das Netzwerk will Frauen in der Kautschukindustrie sichtbar machen, vernetzen und gezielt in ihrer beruflichen Entwicklung stärken. Wir bringen Naturwissenschaftlerinnen, Technikerinnen und Ingenieurinnen aus Hochschulen, Forschungsinstituten und der Industrie zusammen und bündeln ihr Wissen. Auf dieser Grundlage entwickeln wir konkrete Handlungsoptionen, um mehr Frauen für die Branche zu gewinnen. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel sehen wir darin eine wichtige Ressource für die Zukunft.

Sie waren Mitinitiatorin des Frauennetzwerks. Was hat Sie dazu motiviert? 

Die DKG hat meinen beruflichen Weg von Anfang an geprägt – mit wertvollen Impulsen und konkreter Unterstützung, etwa während meiner Promotion. Später durfte ich die Regionalgruppe DKG Nord leiten und war mehrere Jahre im Vorstand aktiv. In dieser Zeit habe ich aus eigener Erfahrung erlebt, wie wichtig es ist, dass Frauen auf ihrem Weg gestärkt werden. Daraus entstand der Wunsch, diese Erfahrungen weiterzugeben. So wurde 2022 das Frauennetzwerk gegründet. Mittlerweile zählt es 69 Mitglieder aus Industrie und Wissenschaft.

„Karrierewege verlaufen selten geradlinig“
Cristina Bergmann

Wie motiviert man denn mehr Frauen dazu, in die Kautschukbranche einzusteigen?

Das größte Veränderungspotenzial sehen wir in der Nachwuchsförderung, in der Unterstützung technischer Karrierewege und in fairen Vergütungsmodellen, die langfristige Laufbahnen ermöglichen. Wir beobachten zugleich ein zunehmendes Interesse junger Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen an nachhaltigen Materialien und innovativen Werkstofftechnologien – und das ist ermutigend. In diesen Bereichen spielt Kautschuk eine zentrale Rolle.

Wie fällt die Resonanz in der Branche auf die Initiative aus? 

Sehr offen und konstruktiv. Viele Kolleginnen und Kollegen, auch in Führungspositionen, begegnen dem Thema mit Interesse und unterstützen insbesondere Formate wie das Mentoring-Programm, da der Mehrwert klar erkennbar ist. Wichtig ist für uns: Es geht um gemeinsames Lernen, um Entwicklung und darum, Potenziale sichtbar zu machen – immer im Miteinander. Nachhaltige Gleichstellung kann nur gemeinsam erreicht werden. Diese Haltung stößt in der Branche auf breite Akzeptanz. Es ist auch erwähnenswert, dass das DKG-Mentoringprogramm nicht nur auf Frauen begrenzt ist, auch junge männliche Kollegen nehmen aktuell teil.

Kennt die Kautschukbranche seit über zwei Jahrzehnten: Cristina Bergmann ist promovierte Chemikerin und Leiterin des DKG-Frauennetzwerks. Foto: foto-anhalt.de

Was braucht es, damit Frauen Karriere machen können?

In vielen Unternehmen entscheidet sich Karriere noch immer an Präsenz und Verfügbarkeit. Damit Frauen in technischen Berufen nicht zwischen Job und Familie wählen müssen, braucht es eine Arbeitskultur, in der Vereinbarkeit selbstverständlich ist. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle und hybride Formen der Zusammenarbeit. Ebenso wichtig sind klare Beförderungskriterien. Regelmäßige Überprüfungen zur Chancengleichheit können diesen Prozess unterstützen. Erst wenn diese Strukturen stehen, können Frauen Karriere auch langfristig planen.

Wenn über Frauenförderung gesprochen wird, fällt auch immer das Stichwort Diversität. Was bringen diverse, also mit unterschiedlichen Menschen zusammengesetzte Teams eigentlich Unternehmen?

Die Branche steht heute vor komplexen Herausforderungen – von Fachkräftesicherung über Innovation bis hin zu nachhaltigem Wachstum. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist es entscheidend, das gesamte verfügbare Talentpotenzial zu nutzen. Frauen bringen schon immer vielfältige Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen ein, die Teams bereichern und Entscheidungsprozesse stärken. Eine diverse Zusammensetzung ist daher kein Selbstzweck, sondern ein klarer Erfolgsfaktor. Wer langfristig wettbewerbsfähig bleiben möchte, setzt auf Vielfalt, Zusammenarbeit und die bestmögliche Nutzung aller vorhandenen Fähigkeiten.

Welchen Rat geben Sie jungen Frauen für den Einstieg in die Gummibranche?

Sie sollten einen Bereich wählen, der ihren Interessen entspricht und in dem sie sich fachlich weiterentwickeln möchten. Wichtig ist ein selbstbewusster Einstieg, verbunden mit einer frühzeitigen Suche nach Mentoren und dem Aufbau beruflicher Netzwerke. 

Und das, obwohl viele Kautschukbetriebe aktuell durch wirtschaftlich schwierige Zeiten navigieren?

Ja, denn trotz der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen bietet unsere Industrie beste Perspektiven: Sie verbindet Hightech, Nachhaltigkeit und Werkstoffkompetenz – Themenfelder mit großem Gestaltungsspielraum und wachsendem Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs. Entscheidend ist, offen für neue Aufgaben zu bleiben, Chancen aktiv zu nutzen und sichtbar zu werden. Karrierewege verlaufen selten geradlinig, sie entwickeln sich über stetiges Lernen, Umwege und Menschen, die vorangegangen sind.

 

DKG-Frauennetzwerk – die Fakten

Frauenpräsenz in der Kautschukbranche stärken: Mit diesem Anliegen entstand 2022 das Frauennetzwerk der Deutschen Kautschuk-Gesellschaft (DKG). Es vernetzt Ingenieurinnen, Technikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen, unterstützt sie durch Mentoring-Programme und fördert so technische Karrierewege. Die Initiative umfasst mittlerweile 69 Mitglieder aus Industrie und Forschung.

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