Standort Deutschland
Die teure Energie trifft alle
Öl, Gas, Rohstoffe: Warum der Iran-Konflikt viele Industrien an ihre Grenzen bringt
von Roman Winnicki (weitere Autoren: Michael Stark)
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Iran-Konflikt hat Öl- und Gaspreise deutlich verteuert – Benzin kostet rund 20 Prozent mehr als noch im Februar
- Energieintensive Branchen wie Chemie, Metall und Kautschuk tragen die Hauptlast: Sie verbrauchen rund vier Fünftel der in der Industrie genutzten Energie
- Die Kautschukindustrie leidet doppelt: Steigende Energiekosten treffen auf teurere Rohstoffe und drohende Lieferengpässe
Öl und Gas – eine Belastung für die gesamte Wirtschaft
München. Der Weg zur Tankstelle – er macht jedem Autofahrer seit Wochen klar: Öl bleibt teuer, auch wenn das angekündigte USA-Iran-Abkommen die Märkte zunächst beruhigt hat. Benzin kostet rund 20 Prozent mehr als noch im Februar, bei Diesel ist der Aufschlag noch größer. Gas ist ebenfalls teurer geworden – wenn auch bei Weitem nicht so extrem wie nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine.
Das ist nicht nur ärgerlich für Bürger. Es ist ein ernstes Problem für die Wirtschaft. Insbesondere die Industrie ist von der Unsicherheit im Nahen Osten betroffen: Sie verbraucht in Deutschland rund ein Viertel des Öls und gut ein Drittel des Erdgases. Knapp 30 Prozent des Energiebedarfs der Industrie stammten 2024 aus Erdgas. Mineralöl steuerte weitere rund 17 Prozent bei. Steigende Preise werden da schnell zu einer schweren Belastung.
Hinzu kommt: Auch beim Strom, der mehr als ein Fünftel der Energie für die Industrie liefert, sorgt ein steigender Gaspreis für höhere Kosten. Rund 15 Prozent des Stroms wurden im vergangenen Jahr in Deutschland in Gaskraftwerken erzeugt. Wenn diese im Einsatz sind, sind sie in der Regel das teuerste Kraftwerk – und damit entscheidend für den Preis.
Schlüsselbranchen: Wo es besonders wehtut
Eine deutliche Entspannung ist wohl nicht so schnell in Sicht – selbst wenn sich die Lage um den Iran stabilisieren sollte. Experten erwarten, dass es noch Monate dauern könnte, bis Lieferketten wieder funktionieren und strategische Reserven aufgefüllt sind. Zudem ist die Energie-Infrastruktur in der Region beschädigt. Das bremst auf mittlere Sicht Förderung und Produktion – und hält den Preis hoch.
Für viele Unternehmen sind das schlechte Nachrichten. Für manche ist es nicht weniger als eine Katastrophe. Denn die meiste Energie wird in nur wenigen Branchen verbraucht. Zu diesen energieintensiven Industrien gehört neben dem Metallsektor vor allem die Chemieindustrie, die ohnehin seit Jahren mit hohen Energiepreisen am Standort Deutschland zu kämpfen hat.
„Für viele Unternehmen geht es jetzt um die Existenz“
-Anna Wolf, Expertin am Ifo-Institut
„Die Lage wird immer kritischer", sagt Branchenexpertin Anna Wolf vom Münchner Ifo-Institut. „Für viele Unternehmen geht es jetzt um die Existenz", warnt die Ökonomin. „Denn sie waren vor dem aktuellen Schock schon geschwächt."
Neben Chemie und Metallverarbeitung sind Kokereien und Verarbeiter von Mineralöl besonders betroffen. Hinzu kommen die Papierindustrie, Glas-, Keramik- und Baustoffhersteller sowie die Produzenten von Nahrungs- und Futtermitteln. All diese energieintensiven Branchen zusammen erbringen etwa ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung in Deutschland – verbrauchen aber rund vier Fünftel der in der Industrie genutzten Energie.
Wenn Öl und Gas im Produkt stecken
Dabei geht es nicht nur um Strom und Wärme. Ein Zehntel der Energieträger dient als Grundstoff für verschiedene Industrieprodukte. Besonders relevant ist das in der Chemie. Hier liegt der Anteil der nicht energetischen Nutzung sogar bei einem Drittel. Mithilfe von Erdgas wird dort zum Beispiel Ammoniak gewonnen – die Basis etwa für Stickstoffdünger und Medikamente. Erdöl wird unter anderem zur Herstellung von Kunststoffen, Farben und Lösungsmitteln benötigt.
Auch die Kautschukindustrie ist davon abhängig. Sie benötigt petrochemische Vorprodukte wie Synthesekautschuke, Ruße und Weichmacher – und wird deshalb nicht nur von steigenden Energiekosten, sondern auch von höheren Rohstoffpreisen und möglichen Lieferengpässen getroffen.
Kautschukindustrie mit Materialengpässen
Die Zahlen belege das: Nach aktuellen Erhebungen des Ifo-Instituts meldeten im Mai 23,7 Prozent der Unternehmen aus der Gummi- und Kunststoffindustrie Materialengpässe. Naturkautschuk verteuerte sich seit dem Schlussquartal 2025 um mehr als 40 Prozent, auch Synthesekautschuke, Ruße und Weichmacher kosten deutlich mehr.
„Zu den bereits massiv gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten kommen nun drohende Versorgungsengpässe hinzu", sagt Michael Berthel, Chefvolkswirt des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie. Wegen der schwachen Nachfrage könnten viele Betriebe die Mehrkosten nur begrenzt weitergeben.
Über den Autor
Roman Winnicki
Redakteur
Sprachen waren seine erste Schwäche: Roman Winnicki studierte Polnisch und Italienisch. Doch auch mit Zahlen fühlt er sich wohl, weshalb ein VWL-Studium folgte. Beruflich war er unter anderem in Wirtschafts- und Fachverlagen tätig, berichtete über Kunststoff- und Kautschukmärkte und war nebenbei als Übersetzer tätig. Seit 2023 verantwortet er die Redaktion des KAUTSCHUK-Magazins. Privat frönt er der „Fußlümmelei“: Wann immer es geht, haut er das Runde ins Eckige