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Ausbildung für Geflüchtete: Wie Salam bei ARTEMIS neu anfängt

Neustart nach Flucht und Völkermord: Wie schafft man es, in einem fremden Land wirklich anzukommen – und zu bleiben?

von Isabel Link

· Lesezeit 5 Minuten.
Nicht unterkriegen lassen: Salam Alkheder will sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen. Foto: KAUTSCHUK/Marcus Prell

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Salam Alkheder floh 2021 aus dem Irak nach Deutschland – sein Haus war nach dem IS-Angriff in Trümmern, seine Zukunft ungewiss. 
  • Trotz erster Ablehnung wegen zu geringer Deutschkenntnisse bewarb er sich erneut – und bekam einen Ausbildungsplatz als Maschinen- und Anlagenführer. 
  • Er bestand seine Abschlussprüfung mit Bravour und arbeitet heute fest bei der ARTEMIS Kautschuk- und Kunststoff GmbH in Hannover. 

Hannover. Das Lächeln jungenhaft, die Augen strahlen: Obwohl Salam Alkheder gerade kurz vor seiner Abschlussprüfung steht, wirkt er keine Spur verunsichert. Natürlich sei er nervös und habe auch ein bisschen Angst, sagt er. Denn obwohl sein Deutsch mittlerweile sehr gut ist, stolpere er doch ab und zu über Wörter. Aber davon lasse er sich nicht aufhalten. „Ich gebe nie auf“, sagt er. Ein einfacher Satz, der viel über ihn aussagt. Denn Salam Alkheder hat in seinen 32 Lebensjahren schon oft neu anfangen müssen.

Vom Tischler im Irak zum Azubi in Hannover

Alkheder stammt aus Sindschar im Nordirak. Er gehört der jesidischen Gemeinschaft an, einer ethnisch-religiösen Gruppe mit rund einer Million Angehörigen, die ursprünglich vor allem im Irak, in Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei siedelten. Schon früh verliert er den Vater und muss bereits als Zwölfjähriger arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich, seine Mutter und seinen jüngeren Bruder zu verdienen. Er lernt das Tischlerhandwerk, eröffnet eine eigene kleine Werkstatt. Später arbeitet er als Friseur. Stück für Stück baut er sich eine Existenz auf. Bis 2014 die Terrormiliz Islamischer Staat seine Heimat überfällt.

Flucht und Neubeginn nach dem Genozid

Die Terroristen ermorden Zehntausende Menschen, verschleppen und versklaven viele Frauen und Mädchen. Das Ereignis wird von den Vereinten Nationen als Genozid eingestuft. Hunderttausende Jesiden fliehen damals aus dem Nordirak. Auch Salam entkommt mit seiner Familie in die Berge.

Eine Woche lang harren die Alkheders aus, bevor sie in ein Flüchtlingscamp kommen. „Dort blieben wir mehrere Jahre“, berichtet Salam. Als die Familie schließlich nach Sindschar zurückkehrt, ist von ihrem früherem Leben nichts übrig. Selbst das Haus, das Salam eigenhändig gebaut hatte, liegt in Trümmern. Salam lässt sich nicht entmutigen und beginnt von vorn. Allerdings ist da jetzt immer diese Angst: „Ich baue mein Haus und mein Leben auf – und irgendwann ist wieder alles weg“, beschreibt er das Gefühl, das ihn 2021 dazu bewegt, den Irak zu verlassen.

Deutsch lernen als Schlüssel zum Ankommen

Er reist über Belarus und Lettland bis nach Deutschland, lebt in verschiedenen Unterkünften, immer in Sorge, zurückgeschickt zu werden. „In dieser Zeit konnte ich an nichts anderes denken“, erinnert er sich. Er habe damals nach einem Weg gesucht, bleiben und ankommen zu können. Also lernt er Deutsch, zuerst mithilfe von Videos und einer Sprach-App. Dann mit dem Besuch von Deutschkursen. Salam nimmt Nachhilfe, geht regelmäßig in ein Sprachcafé. Vormittags sitzt er im Unterricht, nachmittags jobbt er in einer Pizzeria, später in einem Donut-Laden. „Die Sprache ist der Schlüssel“, sagt er heute. „Wenn du irgendwo ankommen willst, musst du zuerst die Sprache lernen.“

Geschafft: Salam Alkheder überzeugte im Praktikum mit handwerklichem Geschick. Am Tag nach dem Interview gratulierte ihm Ausbildungsleiter Jens-Uve Klüver zur bestandenen Prüfung. Fotos: KAUTSCHUK/Marcus Prell

Eine Ausbildung soll den Neustart ermöglichen

Und natürlich: endlich arbeiten. Ein Verwandter macht ihn auf die ARTEMIS Kautschuk- und Kunststofftechnik GmbH in Hannover aufmerksam. „Mein Cousin hat hier eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer gemacht, später sogar den Meister. Das wollte ich auch“, sagt Alkheder.

Seine erste Bewerbung lehnt das Unternehmen ab. Der Grund: Salams Sprachkenntnisse sind mit A2-Niveau noch zu rudimentär. Aufgeben? Kommt für Salam nicht infrage. Er besucht einen Integrationskurs, besteht schließlich die B1-Prüfung. Und er bewirbt sich erneut.

Mit Unterstützung aus dem Kollegenkreis durch die Berufsschule

Diesmal mit Erfolg: Er wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen, darf ein Praktikum machen. Dabei überzeugt er mit seinem handwerklichen Geschick und seiner Motivation. Wenig später erhält er die Zusage für einen Ausbildungsplatz – und fühlt sich endlich angekommen in Deutschland.

Mathe-Crashkurs: Ausbilder Nico Winkler und andere Kollegen unterstützen Salam nach Kräften. Foto: KAUTSCHUK/Marcus Prell

Doch vor allem die Berufsschule hat es zunächst in sich. Während Salam noch über ein Wort nachdenkt, ist der Lehrer schon beim nächsten Thema. Aber wieder bleibt er dran: zusätzlicher Deutsch-Unterricht, Nachhilfe, Unterstützung aus dem Kollegenkreis – Salam nimmt alles mit, was hilft. Und es zahlt sich aus. Einen Tag nach dem Interview besteht er seine Abschlussprüfung mit Bravour. Und arbeitet nun als Maschinen- und Anlagenführer bei ARTEMIS.

Nach der Ausbildung beginnt für Salam der nächste Schritt

Im Betrieb ist er nach der Ausbildung längst angekommen, auch privat ist Ruhe eingekehrt. Nach Jahren in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt Salam heute in einer WG. Und auch das Problem mit seinem Pass, der – ohne sein Verschulden – in Lettland festhängt, ist fast gelöst: Während der Ausbildung musste Salam regelmäßig zur Ausländerbehörde, um weiter arbeiten zu können. Jetzt hat er einen neuen Pass beantragt und wartet auf einen Aufenthaltstitel.

Denn er hat noch viel vor: zusätzliche Qualifikationen, vielleicht sogar den Meister machen? „In Deutschland gibt es viele Möglichkeiten“, sagt er. „Man muss nur aufstehen und was draus machen.“

 

ARTEMIS Kautschuk- und Kunststofftechnik GmbH –die Fakten

Die ARTEMIS Kautschuk- und Kunststoff-Technik GmbH mit Sitz in Hannover entwickelt und produziert Spezialkomponenten aus Elastomeren und Gummi-Verbundwerkstoffen. Dazu gehören zum Beispiel Statoren, Exzenterschneckenpumpen und andere Gummi-Metall-Verbindungen, aber auch Siebketten und Förderbänder. Produziert wird vor allem für die Agrartechnik, den Maschinenbau und die Umwelttechnik. ARTEMIS ist Teil der international tätigen JÄGER Group

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