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Kautschuk statt Consulting: Warum zwei Berater mit Anfang 30 einen Gummi-Betrieb übernahmen

von Michael Aust

· Lesezeit 5 Minuten.
Jung-Unternehmer mit Anfang 30: Michael Obermeyer (links) und Marius Maier in der Werkhalle von GUME in Ostermünchen. Foto: KAUTSCHUK/Oliver Bodmer

Das Wichtigste in Kürze:

  • Als Quereinsteiger, aber mit klarer Strategie: Marius Maier und Michael Obermeyer übernehmen mit Anfang 30 einen Kautschuk-Betrieb
  • Vom Prototyp zur Serienfertigung in einer Woche – das ist ihr Versprechen an Kunden
  • Sechs Monate später geht ihr Plan auf: Belegschaft und Geschäfte wachsen wieder
 

Vollgas im Voralpenland

Ostermünchen. Die Alpen stehen weiß am Horizont, als Marius Maier mit dem Handy am Ohr vor die Tür geht. Ein Kunde, natürlich. Es geht um einen Auftrag, der schnellstmöglich erledigt werden soll. Im Moment geht das dauernd so. Unternehmen fragen an: Könnt ihr das? Und: Geht das wirklich so schnell? Seit Maier und sein Kompagnon Michael Obermeyer im Herbst das Unternehmen GUME im bayerischen Ostermünchen als Geschäftsführer übernommen haben, konnten sie beide Fragen schon oft mit Ja beantworten. 

„Wir haben gesagt: Wenn wir es machen wie alle anderen, funktioniert das nicht. Wir müssen es frischer, dynamischer, jugendlicher angehen. Speed und Qualität sind die Kernelemente unserer Strategie“, sagt Maier über die Richtung, in die die Jung-Unternehmer den Betrieb seit einem halben Jahr steuern. Erst kürzlich habe man einen Rekord aufgestellt: „Donnerstag kam die Eilanfrage, Freitag der Auftrag. Jetzt – eine Woche später – ist das Werkzeug fertig und geht auf die Spritzpresse. Und gleich kommt der Kunde und nimmt den Prototypen ab.“

Das Produkt, um das es geht, ist ein rechteckiges Gummiformteil, fast drei Kilo schwer und mit einer komplizierten Geometrie. In der Werkhalle begutachtet Michael Obermeyer gerade einen Probeguss. „Das Teil ist für den Schwermaschinenbau gedacht“, erklärt der Co-Geschäftsführer. Andere Produkte von GUME sind dagegen nur so groß wie ein Daumennagel. „Wir fertigen auch Gummidämpfer für Inhalatoren, die Asthmatiker benutzen“, sagt Obermeyer. „Die sorgen dafür, dass nicht der ganze Tisch vibriert, wenn sich der Motor im Gerät dreht.“

Das Abenteuer eigener Betrieb

Die Medizintechnik und der Maschinenbau sind nur zwei von vielen Branchen, für die GUME an anspruchsvollen Speziallösungen arbeitet. Der Name der Firma ist Programm: Er steht für „Gummi“ und „Metall“. Beide Materialien präzise zu Bauteilen zu verbinden, war von Anfang an das Geschäftsmodell des Firmengründers Lorenz Kotter. Als der den Betrieb 1990 gründete, waren Maier (32) und Obermeyer (30) noch gar nicht geboren. Der gelernte Werkzeugmachermeister baute die Firma Schritt für Schritt aus. Heute beschäftigt sie knapp 40 Mitarbeiter – ist allerdings seit Herbst kein Familienbetrieb mehr. „Lorenz hatte keine Nachfolgelösung in der Verwandtschaft“, erklärt Obermeyer. „So kamen Marius und ich ins Spiel.“

Auf den Maschinen des bayerischen Betriebs entstehen Gummiteile für den Weltmarkt: Foto: KAUTSCHUK/Oliver Bodmer

Vom Berater zum Unternehmer

Die Idee, einen eigenen Betrieb zu übernehmen, hatten die Münchner schon lange. Beide lernten sich im Studium kennen, arbeiteten anschließend in einer Unternehmensberatung. „Wir haben vor allem produzierende Unternehmen beraten, die von Finanzinvestoren übernommen wurden“, erinnert sich Maier. Immer ging es darum, Abläufe von Einkauf bis Fertigung zu optimieren. „Das war spannend. Aber irgendwann haben wir uns gedacht: Das können wir doch auch in unserer eigenen Firma machen.“ 

Nur: Wie findet man eine? Ähnlich wie eine Wohnung, erklärt Maier: „Inhaber, die abgeben wollen, können auf rund einem Dutzend Online-Portalen inserieren. Hinzu kommen diverse Makler, die man alle einzeln abklappern muss.“ Wichtig war den beiden, dass die Firma aus dem Produzierenden Gewerbe stammt, von München erreichbar und finanziell stabil ist. „Außerdem wollten wir einen guten Draht zum Inhaber haben“, sagt Maier. 

„Kautschuk ist eine Branche mit Zukunft “ 
- Marius Maier

Verbundteile aus Gummi und Metall sind die Spezialität von GUME: Diese Dosendichtungen (rechts) wurden für ein Unternehmen aus der Elektrotechnik produziert. Foto: KAUTSCHUK/Oliver Bodmer

Die Kautschuk-Branche hatten die beiden von Anfang an im Visier. „Bei Kautschuk ist mit unterschiedlichsten Polymeren so vieles möglich. Deshalb ist der Beratungsbedarf der Kunden hier aber auch sehr hoch“, sagt der studierte Maschinenbauer Obermeyer. Das Know-how und die Beratung könne man nicht so einfach nach Fernost outsourcen. „Deshalb glauben wir, dass Kautschuk eine Branche mit Zukunft am Standort ist.“ 

Die Kurzarbeit ist längst Geschichte

Nach vielen Treffen, einem Blick in die Bücher und einem unterschriebenen 150-Seiten-Vertrag war im Sommer 2025 klar: Das Traditionsunternehmen GUME bekommt zwei neue Chefs! Als der alte Geschäftsführer an einem Dienstag im August die Belegschaft zusammenrief „und plötzlich zwei Neue dabei waren“, habe allerdings erst mal Stille geherrscht, erinnert sich Maier: „Die Mitarbeiter waren baff, dass Lorenz aufhört.“ 

Aus der Überraschung sei dann schnell Tatendrang geworden, erklärt Maik Keilhacker, stellvertretender Produktionsleiter bei GUME und selbst erst 31: „Wir haben uns gefreut, dass es weitergeht. Vor allem mit einem jungen Team.“ 

Und der Speed, den die Jung-Unternehmer mitbringen, zeigt erste Erfolge: Die Kurzarbeit, die 2025 auf die Stimmung drückte, ist Geschichte. Inzwischen baut die Firma Stellen auf, die Geschäfte laufen. Spezialwünsche möglich machen und Aufträge schnell in die Fertigung bringen – das seien Punkte, die den Spezialisten GUME von großen Wettbewerbern abheben, sagt Maier. Deshalb die Produktion „auf Speed“. Deshalb die vielen Telefonate – und manche Extraschicht.

Dorf statt Großstadt: Beide arbeiten jetzt im 1.300-Seelen-Dorf ­Ostermünchen. Foto: KAUTSCHUK/Oliver Bodmer

Haben die beiden den Sprung in die Selbstständigkeit je bereut? „Bislang nicht. Als Berater geht man in ein Unternehmen rein und ist schnell wieder raus. Als Unternehmer sehen wir jetzt den Erfolg – im Zweifel auch den Misserfolg – unserer eigenen Entscheidungen. Das ist schon ein gutes Gefühl“, sagt Maier. 

Dann klingelt sein Telefon. 

 

GUME – die Fakten

GUME ist ein Zulieferer für Gummiformen und Verbundteile mit Sitz in Ostermünchen zwischen München und Rosenheim. Seit 1990 fertigt das Unternehmen individuelle Komponenten wie Dichtungen oder Gummipuffer für verschiedene Branchen. Eine Spezialität ist die Expressfertigung vom Prototyp zur Serienfertigung binnen zwei Wochen. 

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