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Der Hebel zur Zukunft

Spritzguss, 3D-Druck und ein Drache: Wie Motzener Jugendliche für die Kautschukbranche begeistert

von Isabel Link

· Lesezeit 5 Minuten.
Technik zum Mitmachen: Azubi Fedir Krasikov zeigt Schülern, wie aus Kunststoff-Granulat ein Einkaufswagenchip wird. Foto: KAUTSCHUK/Christian Laukemper

MITTENWALDE. Carl weiß schon ziemlich genau, was er später beruflich machen will. „Ich gründe eine Firma für Elektromotorräder“, sagt der 13-Jährige. „Ich mag Motorräder und finde es cool, mir etwas Eigenes aufzubauen.“ Noch ist Carl Schüler. Aber an diesem Vormittag bekommt er schon einmal zu sehen, wie Unternehmertum im Kleinen aussieht: bei der Motzener Kunststoff- und Gummiverarbeitung GmbH in Brandenburg, einem Familienbetrieb. Geschäftsführer Matthias König, Vater eines Schulkameraden, hat Carls Klasse zum Zukunftstag eingeladen. Der Besuch ist zugleich ein Warm-up für die IdeenExpo in Hannover, wo Jugendliche Technik ausprobieren und Berufe kennenlernen können.

Wie bei Europas größtem Mitmach-Event für Naturwissenschaften und Technik stehen auch an diesem Vormittag bei Motzener Spaß und Ausprobieren im Mittelpunkt. An verschiedenen Stationen können die Jugendlichen die Exponate der Firma für die IdeenExpo testen und sich zwischendurch beim Kickern oder Tischtennis auspowern.

Baujahr 1947: Die Maschine läuft noch immer

Azubi Fedir Krasikov präsentiert der Klasse eine der ersten Spritzgussmaschinen, die je in Deutschland hergestellt wurden. „Die ist von 1947 und funktioniert noch einwandfrei“, sagt der 19-Jährige. „Wer will sich mal daran versuchen?“ Prompt meldet sich Lisa. Krasikov zeigt der Zwölfjährigen Schritt für Schritt, wie sie die Maschine bedienen muss: Form einsetzen, Sicherheitsklappe schließen, einen langen Hebel ziehen. Und schon wird das geschmolzene Kunststoffgranulat durch die Schnecke in die Form gedrückt. Heraus kommt ein giftgrüner Einkaufswagenchip, den Lisa ihren Freundinnen zeigt. „Das war schwieriger, als ich dachte“, sagt sie.  „Vor allem für den Hebel braucht man ganz schön Kraft.“

 

Aufmerksam dabei: Geschäftsführer Matthias König (links) zeigt Gummidichtungen aus eigener Produktion. Vom Chip bis zum Drachen lassen sich mit dem 3D-Drucker (rechts) kleine Kunststoffformteile schnell herstellen. Fotos KAUTSCHUK/Christian Laukemper

Krasikov unterdrückt ein Grinsen. Seit anderthalb Jahren ist er bei Motzener, für ihn ist es der zweite Anlauf in eine Ausbildung. „Die erste habe ich abgebrochen, weil sie keinen Spaß gemacht hat.“ Bei Motzener, wo Gummidichtungen und Spritzgussteile entstehen, arbeitet er gern. „Die Kollegen sind nett und ich lerne jeden Tag etwas Neues.“ Zum Beispiel, jungen Menschen einen Einblick in seine Arbeit zu geben. „Ich bin eigentlich schlecht im Erklären“, sagt er und lacht. „Aber gerade hat es doch ganz gut funktioniert.“

Hier muss niemand mehr am Hebel ziehen 

Nach 1947 kommt die Gegenwart: Lisa Marie Klar führt die Babyplast vor, eine der modernsten Spritzgussanlagen für Kleinteile. Die 19-Jährige lässt sich bei Motzener zur Fachkraft für Lagerlogistik ausbilden. An der Anlage müssen keine Hebel mehr gezogen werden. Stattdessen fallen in rasendem Tempo Anhänger für Schlüsselringe heraus: in Form des Ballonhunds „Bonzo“ ‒ so heißt das Maskottchen des Arbeitgeberverbands der deutschen Kautschukindustrie (ADK). 

Ursprünglich wollte Klar Veranstaltungskauffrau werden. Dann kam sie mit Matthias König, dem Geschäftsführer der Motzener Kunststoff- und Gummiverarbeitung, ins Gespräch. „Als er hörte, dass ich eine Ausbildungsstelle suche, hat er mir vom Beruf der Fachkraft für Lagerlogistik erzählt und von den vielen Karrieremöglichkeiten im Job.“ Klar machte ein Praktikum. Die Arbeit gefiel der jungen, quirligen Frau so gut, dass sie blieb.
 

Aus der Babyplast-Maschine an den Schlüsselbund: Lisa Marie Klar zeigt die kleinen „Bonzos“ aus der Spritzgussanlage. Foto: KAUTSCHUK/Christian Laukemper

Ganz verschwunden ist ihr alter Berufswunsch nicht. Schon zu Beginn ihrer Ausbildung hat König ihr die Aufgabe übertragen, den Stand des Unternehmens auf der IdeenExpo zu koordinieren. „Ich freue mich schon wahnsinnig auf die neun Tage in Hannover“, sagt sie. „Ich habe so viel Gutes von der IdeenExpo gehört und richtig Lust, jungen Menschen unsere Arbeit näherzubringen und mich mit anderen Azubis auszutauschen.“

Ein Drache, der über Nacht entstand

Das bei der IdeenExpo bewährte Konzept des Mitmachens trägt auch an diesem Vormittag. Mit jedem Exponat wächst die Neugier der Jugendlichen auf Spritzguss, Gummi und Kunststoff. Motorrad-Fan Carl bleibt vor einem Drachen hängen, den Dr. Volker Schlegel in der Nacht zuvor mit dem 3D-Drucker gefertigt hat. 

Ausprobieren erwünscht: : Schülerinnen testen beim Zukunftstag bei Motzener eine alte Presse – und sind vom 3D-gedruckten Drachen begeistert. Foto: KAUTSCHUK/Christian Laukemper

„Der war schon nach acht Stunden fertig? Wie geil ist das denn?“ Carls Augen leuchten, während Schlegel ihm vorsichtig die grün-weißen Glieder des Fabelwesens um den Arm legt. Auch dem Konstruktionsingenieur ist die Begeisterung für die Technik anzusehen. „Ich beschäftige mich schon seit acht Jahren mit 3D-Druck und es ist unglaublich, was damit heutzutage möglich ist.“

Den 3D-Drucker nimmt das Team von Motzener zwar nicht mit auf die IdeenExpo. Aber der Testlauf zeigt: Schon die alte Spritzgussmaschine und ihr modernes Pendant, die Babyplast, reichen aus, um die Jugendlichen zu packen. „Ich freue mich jetzt richtig auf die IdeenExpo“, sagt Lisa und clippt den Bonzo-Anhänger an ihren Schlüsselbund.

 

Motzener – die Fakten

Die Motzener Kunststoff- und Gummiverarbeitung GmbH in Mittenwalde produziert Spritzgussformteile und Baugruppen aus Thermoplasten und Elastomeren. Zum Leistungsspektrum gehören außerdem Verbundformteile aus Kunststoff und Kautschuk. Das Unternehmen beschäftigt rund 65 Mitarbeitende.
 

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