Chefgespräche

Mehr als nur ein Bürogebäude

Nach Jahren der Krise hat Meteor in Bockenem eine neue Konzernzentrale gebaut. Co-Geschäftsführer Christian Schneider erklärt, wie der Bau in nur elf Monaten ­möglich war und warum der Standort das Herz des Unternehmens bleibt

von Isabel Link

· Lesezeit 5 Minuten.
Das Licht bleibt an: Mit dem Bau der neuen Konzernzentrale hat Meteor ein klares Bekenntnis zum Standort abgegeben. Foto: KAUTSCHUK/Chris Gossmann

Bockenem. Die neue Konzernzentrale im niedersächsischen Bockenem setzt den Schlusspunkt unter ein Jahrzehnt voller Krisen beim Autozulieferer Meteor. Der Weg dorthin war schmerzhaft, weshalb das neue Gebäude nicht nur ein Bekenntnis zum Standort ist, sondern auch ein Zeichen für den Aufbruch, wie Meteor-Co-Geschäftsführer Christian Schneider im Chefgespräch erklärt. 

Bauprojekte in Deutschland gleichen oft einem Bummelzug. In Bockenem hingegen fuhren Sie im ICE-Tempo: Nur elf Monate nach Antrag hielten Sie die Schlüssel zur neuen Meteor-Konzernzentrale in der Hand. Wie war das möglich?

Schneider: Ich glaube, der größte Fehler bei einem solchen Vorhaben wäre es gewesen, im Alleingang zu planen, einen Bauantrag zu stellen und auf Genehmigungen zu hoffen. Wir haben von Beginn an alle Beteiligten eingebunden – Architekten, interne Planer, das Bauamt. Sie alle saßen an einem Tisch in unserem alten Konferenzraum, als wir zum ersten Mal über unser Vorhaben gesprochen haben: eine neue, moderne Firmenzentrale, die spätestens in neun Monaten bezugsfertig sein soll. Ein ambitioniertes Ziel, das im Vorfeld natürlich auch diverse Bedenken hervorgerufen hat. All diese Bedenken und Herausforderungen haben wir gesammelt, gemeinsam überlegt, wie man sie lösen kann, und die daraus entstandene Liste dann Punkt für Punkt abgearbeitet. Ich bin überzeugt, dass diese enge Abstimmung der Schlüssel zum Erfolg war.

In den vergangenen fünf Jahren haben Sie in Bockenem 10 Millionen Euro investiert und viele Produktionsbereiche modernisiert. Die neue Zentrale ist das letzte Puzzlestück. Warum dieses klare Bekenntnis zum Standort?

Schneider: Als Entwicklungsstandort für Dichtungen und Gummimischungen blickt Bockenem auf eine über 70-jährige Tradition zurück. Hier sitzt einfach unglaublich viel Know-how. Zwar können viele Unternehmen Dichtungen herstellen, aber wenn es um komplexe Produkte mit hohen Anforderungen geht, wie sie etwa in der Automobilindustrie verlangt werden, dann wird das Feld schon deutlich kleiner. Hinzu kommen die vielen einzelnen Prozessschritte, die nötig sind, um eine hohe Qualität zu gewährleisten. Etliche kleine Unternehmen sind dazu nicht mehr in der Lage. Meteor hingegen hat sowohl die erforderliche Größe als auch das Know-how, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Natürlich teilen wir unser Wissen auch mit unseren anderen Standorten weltweit. Doch Bockenem ist und bleibt das Herz unseres Konzerns.

Co-Geschäftsführer Christian Schneider: Er ist froh, dass Meteor den Turnaround geschafft hat und wieder auf Wachstumskurs ist. Standorttreu: Mischerei und Extrusion bleiben in Bockenem (Bild rechts). Fotos: KAUTSCHUK/Chris Gossmann

Ihr Unternehmen hat schwere Zeiten erlebt, Investitionen waren lange kein Thema. Ist der Kurswechsel auch eine Entscheidung für den Standort – und für die Menschen in der Region?

Schneider: Das spielt sicher auch eine Rolle. Früher war Meteor der größte Arbeitgeber im Kreis Hildesheim. Von hier aus wurden unsere Produkte in die ganze Welt geschickt. Inzwischen hat sich das geändert: Wir haben weltweit acht Standorte und Bockenem ist etwas geschrumpft. Vor Ort befinden sich jetzt das Entwicklungszentrum, die Konzernzentrale, die Mischerei und die Extrusion.

Drei der von Ihnen genannten Standorte befinden sich in Rumänien. Dorthin wurden Produktionsprozesse ausgelagert, die zuvor in Bockenem angesiedelt waren. Warum dieser Schritt?

Schneider: Wir haben vor allem die Prozesse ausgelagert, die sehr personalintensiv oder automatisiert sind. Bei Letzteren spielt Know-how kaum eine Rolle. Es ist im Grunde egal, wo die Maschine steht. Da kommt es in erster Linie auf die Energiekosten an. Bei Produktionsschritten, die viel Handarbeit erfordern, können die teils gravierenden Unterschiede im Lohnniveau hingegen über den Fortbestand von Firmen entscheiden. In einer globalisierten und vernetzten Welt ist es nur logisch, solche Produktionsschritte an sogenannte Best-Cost-Standorte zu verlagern, um sich langfristig Wettbewerbsvorteile zu sichern. Wenn man aus reiner Standorttreue an teureren Produktionsstätten festhält, kann man auf Dauer nicht wirtschaftlich produzieren und sich gegen die günstigeren Wettbewerber behaupten, egal wie gut das Produkt ist.

Foto: KAUTSCHUK/Chris Gossmann

Wie haben Sie das den Beschäftigten vermittelt?

Schneider: Tatsächlich brauchte es kaum eine Erklärung. Meteor hat eine lange Geschichte mit herausfordernden Situationen. Die vergangenen 15 Jahre waren im Grunde eine einzige Restrukturierung. Darunter hat vor allem Bockenem gelitten. Als wir 2020 den Standort in Rumänien eröffnet haben, war den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern daher klar: Ohne diesen Schritt wird es nicht gehen, damit die gesamte Unternehmensgruppe überleben kann. Es gab kaum Widerstand. Im Gegenteil: Alle haben mitgezogen, auch wenn ihnen bewusst war, dass dies langfristig Auswirkungen auf ihre eigenen Arbeitsplätze haben könnte. Wäre Meteor zu diesem Zeitpunkt ein wirtschaftlich gesundes und profitables Unternehmen gewesen, wäre diese Entscheidung sicher schwerer zu vermitteln gewesen. Angesichts der damaligen Lage war sie jedoch nachvollziehbar und wurde entsprechend akzeptiert.

Nach Jahren der Krise: Ist der Turnaround geschafft und Meteor zurück auf Wachstumskurs?

Schneider: Ja, davon bin ich überzeugt. Wir erleben einen spürbaren Aufschwung, viele der eingeleiteten Maßnahmen greifen und wir haben mit dem Standort in Rumänien sowie unserer starken Präsenz in Nordamerika eine solide Basis geschaffen. Wir generieren neues Geschäft, wachsen und sind auf einem guten Weg, auch unsere frühere Größe wiederzuerlangen. Die Zahl der Kundenanfragen ist hoch und wir konnten bereits einige neue Projekte gewinnen. Das gibt uns die Zuversicht, dass all unsere Standorte eine echte Zukunft haben.

 

Meteor – die Fakten

Das international tätige Unternehmen entwickelt hochwertige Dichtsysteme und Gummimischungen. Zu seinem Portfolio gehören unter anderem Tür-, Fenster- und Karosseriedichtungen für namhafte Fahrzeughersteller auf der ganzen Welt. Meteor betreibt acht Standorte weltweit, unter anderem in Deutschland, Rumänien, Frankreich, den USA und Mexiko.

 

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