Chefgespräche

Zwischen Tradition und Wandel

Prokurist Clemens Zimmermann über die Herausforderung, die Firma Marangoni durch den wirtschaftlichen und digitalen Wandel zu navigieren

von Werner Fricke

· Lesezeit 5 Minuten.
Rundgang im Betrieb: Clemens Zimmermann zeigt die Produktion am Marangoni-Standort in Henstedt-Ulzburg. Foto: Frank Freudenthaler

Clemens Zimmermann arbeitet als Prokurist bei der Marangoni Retreading Systems Deutschland GmbH. Im Chefgespräch geht es zunächst nicht um aktuelle Herausforderungen, sondern um die lange Historie des Unternehmens. Der Urgroßvater des 55-Jährigen, Heinrich Ellerbrock, hat 1919 die Firma gegründet, die seinerzeit Ellerbrock hieß. Das war eine typische Gummi-Firma, die verschiedene Dinge für den Alltag produziert hat: Hütchen zum Nähen etwa oder Fingerüberzieher zum Geldzählen. Aber das ist lange her …

Werden Sie häufig auf die Geschichte des Unternehmens angesprochen?

Zimmermann: Eigentlich nicht mehr, unsere heutige Zeit ist zu schnelllebig. Das Tagesgeschäft lässt kaum Raum für Erinnerungen und Historie. Dennoch: Ich bin sehr stolz auf meinen Großvater und auf meinen Vater, die beide das Unternehmen sehr stark geprägt haben. Der eine in der Gründungsphase in einem kleinen regionalen Umkreis, später hat mein Vater das Unternehmen stark weiterentwickelt.

Worauf hat er den Betrieb spezialisiert?

Sehr stark in Richtung Auto. Das war in den 80er Jahren. Ich erinnere mich, dass mein Vater voller Stolz erzählt hat, dass damals jedes deutsche Auto mit Teilen von Ellerbrock fuhr.

Und Sie halten als Mitglied der Geschäftsführung diese Familientradition hoch.

Ja, die Branche fasziniert mich seit fast 30 Jahren. „Gummi klebt“, sagt man – ich bin kleben geblieben. Es war vor allem Leidenschaft für diesen besonderen Rohstoff. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mein Sternzeichen der Wassermann ist, Wassermänner mögen die Veränderung nicht so gern.

Seit vielen Jahren gehört Ellerbrock zum italienischen Marangoni-Konzern und ist ein Spezialist im Reifenrunderneuerungsgeschäft für Nutzfahrzeuge.

Stimmt, wir passen sehr gut zusammen. Marangoni ist auch ein Familienunternehmen. Wir erneuern die Lkw-Reifen übrigens nicht selbst, wir stellen vielmehr das dazu notwendige Material her. Und zwar für so ziemlich alle Reifenhersteller und Runderneuerer in Europa! Ein Schuster zum Beispiel benötigt Sohlen, Nägel, Leisten und auch den Hammer: So ähnlich liefern wir ein Gesamtpaket für einen Reifenrunderneuerungsbetrieb.

Rundumservice also. Wie stark spüren Sie da den Wandel in der Wirtschaft, welche Themen beschäftigen Sie konkret besonders?

Oh, da fällt mir gleich eine ganze Reihe ein. Rohstoffbeschaffung, Energiekosten, Digitalisierung – und natürlich ist die Inflation immer noch zu spüren. Aber auch Stichworte wie Nachhaltigkeit oder Fachkräfte sind aktuell. Ich könnte da jetzt stundenlang erzählen.

Dann mal los.

Der Wandel betrifft unsere Gesellschaft insgesamt, längst nicht nur die Wirtschaft. Wobei ich überhaupt kein Gegner von Herausforderungen, Wandel und Veränderung bin – das gab es schon immer, und das ist auch wichtig.

Aber vielleicht nicht in diesem Tempo?

Genau das ist der große Unterschied zu früher – das Tempo. Ich erinnere mich, dass mein Vater in meiner Kindheit Gedichte aufsagen konnte, und er bedauerte, dass wir das in der Schule nicht mehr gelernt haben. Ja, er machte sich sogar Sorgen um unsere Zukunft. Einen Wandel gab es also auch in meiner Schulzeit. Heute, in Zeiten von Digitalisierung, Social Media und künstlicher Intelligenz, verändert sich unsere Gesellschaft so unglaublich schnell: Da muss man erst einmal mitkommen. Das führt auch dazu, dass zwischen den Generationen so unterschiedliche Prioritäten gesetzt werden.

Meinen Sie Stichworte wie Work-Life-Balance oder Viertagewoche?

Ja, genau. Es ist die Einstellung zur Arbeit. Meine Generation stellte den Beruf, die Existenzsicherheit und den Lebensstandard der Familie in den Mittelpunkt. Doch das wandelt sich zurzeit sehr stark. Ich halte es für sehr gefährlich, wenn wir glauben, unseren hohen Lebensstandard und unsere sozialen Errungenschaften könnten wir mit weniger Arbeit und Leistung halten. Hinzu kommt, dass das Qualifikationsniveau sinkt.

Hat eine gute Mannschaft: Zimmermann bespricht sich mit dem Betriebsleiter Daniel König. Foto: Frank Freudenthaler

Hat eine gute Mannschaft: Zimmermann bespricht sich mit dem Betriebsleiter Daniel König. Foto: Frank Freudenthaler

Damit sind wir beim Fachkräftemangel. Wie stark spüren Sie ihn im Betrieb?

Sehr stark. Wobei ich betonen muss, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben. Und wir sind stolz darauf, dass wir unsere Produktivität in den letzten Jahrzehnten deutlich steigern konnten. Unser Ziel ist es, weiter zu automatisieren. Doch das können wir nur, wenn wir dafür weitere geeignete Mitarbeiter finden, die langjährig bei uns bleiben und sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Gummi ist ein Naturprodukt – deshalb sind zwei Tranchen niemals gleich. Um die feinen Unterschiede schnell zu erkennen, brauchen wir Spezialisten.

„Reifenrunderneuerung ist die beste Form der Kreislaufwirtschaft – also: gelebter Umweltschutz“
- Clemens Zimmermann

Junge Bewerber fragen oftmals nach dem Sinn und dem Thema Nachhaltigkeit. Was können Sie bieten?

Reifenrunderneuerung ist ein bekanntes und bewährtes Verfahren. Die Technologie gibt es schon seit über 100 Jahren, heute ist es Hightech auf höchstem Niveau. Reifenrunderneuerung ist die beste Form der Kreislaufwirtschaft – also: gelebter Umweltschutz.

Dennoch haben runderneuerte Reifen noch immer kein gutes Image.

Deshalb gehören wir zu den Gründern der „Allianz Zukunft Reifen“, die im Web unter azur-netzwerk.de zu finden ist. Über 50 Mitglieder aus Industrie, Handel und Wissenschaft sind schon dabei. Unser Ziel ist: Runderneuerte Reifen sollten wie recyceltes Papier oder recycelter Kunststoff Standard werden! Denn runderneuerte Reifen sind sicher, sie halten lange, sie haben eine gute Performance und machen sich damit ökologisch wie ökonomisch bezahlt.

Marangoni Retreading Systems – die Fakten

Marangoni Retreading Systems Deutschland GmbH, einst Ellerbrock, ist ein Spezialist im Reifenrunderneuerungsgeschäft für Nutzfahrzeuge. Das Unternehmen erneuert die Brummi-Puschen nicht selbst – es stellt vielmehr das dazu notwendige Material her. Und zwar für so ziemlich alle Reifenhersteller und Runderneuerer in Europa: Bundesweit sind das rund 60 Betriebe, europaweit etwa 500. In Henstedt-Ulzburg vor den Toren Hamburgs produziert das Unternehmen mit 120 Mitarbeitern. Im Verbund mit der italienischen Konzernmutter Marangoni beliefern die Norddeutschen vor allem den nord-, mittel- und osteuropäischen Markt.

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