Standort Deutschland
Europa stärkt den Freihandel
Der Mercosur-Deal ist durch – und Brüssel schmiedet bereits neue Allianzen. Wo könnten die Nächsten Zölle fallen?
von Niklas Kuschkowitz
Mehr als 700 Millionen Verbraucher leben im Wirtschaftsraum, der demnächst die Europäische Union mit den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay verbinden soll. Das jüngst abgeschlossene Abkommen sieht vor, rund 91 Prozent der Zölle auf EU-Exporte schrittweise abzuschaffen – umgekehrt gilt Gleiches. Unternehmen beider Seiten könnten damit nahezu schrankenlos Handel treiben.
In der aktuellen geopolitischen Lage ist das ein starkes Signal. Das Abkommen – über das mehr als 25 Jahren verhandelt wurde – ist für Deutschland „von großer gesamtwirtschaftlicher und strategischer Bedeutung“, wie das Wirtschaftsministerium betont. Denn: „Es setzt ein nachhaltig positives Signal gegen protektionistische Tendenzen und für eine regelgebundene Handelspolitik.“
Das EU-Parlament hat den Prozess allerdings verzögert und eine Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof angestoßen. Bundesregierung und Wirtschaft drängen darauf, dass der Handelsteil dennoch vorläufig angewendet wird. Und genau das hat die EU-Kommission Ende Februar auch angekündigt – befugt dazu ist sie.
Der Freihandelsvertrag mit dem südamerikanischen Staatenbund ist nur einer von vielen: In Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump europäische Importe immer stärker mit willkürlichen Zöllen belegt oder mit ihnen droht, bemüht sich Europa verstärkt um neue Handelspartner.
Türen öffnen statt Zäune hochziehen
Und das kann auch unserer Wirtschaft helfen. Deutschlands Industrie ist bekanntlich stark exportorientiert, laut Statistischem Bundesamt hängt fast jeder vierte Arbeitsplatz am Auslandsgeschäft. Gleichzeitig hat unser Land wenig Rohstoffe, braucht also auch alle möglichen Importe.
Lisandra Flach, Leiterin des Zentrums für Außenwirtschaft am Ifo-Institut, betont daher: „Es sind zusätzliche Handelsabkommen mit weiteren Handelspartnern nötig, um die negativen Folgen der US-Zollpolitik zu kompensieren.“ Selbst verhandeln kann Deutschland solche Abkommen allerdings schon lange nicht mehr. Laut Artikel 207 des EU-Vertrags ist ausschließlich die EU für die gemeinsame Handelspolitik zuständig.
Das heißt: Handelsabkommen werden nicht mehr von den einzelnen 27 Mitgliedsstaaten ausgehandelt, sondern zentral auf europäischer Ebene. Über 40 Handelsabkommen mit mehr als 70 Staaten oder Regionen sind bereits in Kraft. Wir zeigen, welche Verträge die EU zuletzt abgeschlossen hat – und wo verhandelt wird.
Indien Gerade erst im Januar beschlossen, ist dieses Freihandelsabkommen das bisher größte für beide Seiten! Allein Deutschland handelte 2025 Waren im Wert von mehr als 31 Milliarden Euro mit dem indischen Subkontinent. Durch die neuen Regeln sollen mehr als 90 Prozent der Zölle abgebaut werden. Das erleichtert besonders europäische Exporte in Branchen wie Maschinenbau, Chemie, Pharma und Medizintechnik. „Heute ist ein Feiertag für den exportorientierten Maschinenbau“, erklärte Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, beim Abschluss des Abkommens.
Chile Nach Chile exportiert Deutschland vor allem Maschinen und Fahrzeuge. Das südamerikanische Land wiederum liefert große Mengen Lithium und Kupfer in die EU – zentrale Rohstoffe für die Energiewende. Ein Handelsabkommen mit Chile ist bereits seit 2003 in Kraft. Zwischenzeitlich modernisiert, erweiterten es beide Seiten im Februar 2025. Dadurch fielen sofort praktisch alle Zölle weg. Einem noch umfassenderen Abkommen mit politischen und langfristigen Wirtschaftsregeln müssen erst noch alle EU-Staaten einzeln zustimmen.
Indonesien Die EU und Indonesien haben im September 2025 ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen geschlossen. Vereinbart ist der schrittweise Abbau von nahezu allen Zöllen. Zudem sollen europäische Firmen besseren Zugang zum indonesischen Markt erhalten. Das Abkommen eröffnet der EU neue Chancen: etwa im Maschinenbau, in der Automobil- und Chemie-Branche und für erneuerbare Energien. Es enthält zudem ein Nachhaltigkeitskapitel mit Regeln für Klima- und Umweltschutz sowie für Arbeitsstandards.
Mexiko Das seit einem Vierteljahrhundert bestehende Abkommen mit Mexiko soll ausgeweitet werden, die Verhandlungen darüber endeten 2025. Mexiko ist zweitgrößter Handelspartner der EU in Lateinamerika, aber nicht Teil der Mercosur-Gruppe. Der modernisierte Vertrag soll Zölle abbauen und Europas Fimen einen besseren Zugang zu öffentlichen Aufträgen ermöglichen. Mexiko liefert der EU im Gegenzug wichtige Rohstoffe für die grüne und digitale Transformation.
Neue Partner in Sicht
Außerdem führt die EU Verhandlungen mit Australien, Malaysia, den Philippinen und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAR). In den Gesprächen mit Australien geht es um Agrarquoten, aber auch um die Sicherung kritischer Rohstoffe. Malaysia und die Philippinen sind für die europäische Wirtschaft wegen ihrer schnell wachsenden Märkte relevant – und als Gegengewicht zum wirtschaftlichen Einfluss Chinas. Die Gespräche mit den VAR wiederum zielen darauf ab, den Zugang zu einem zentralen Logistikknotenpunkt zwischen Europa, Asien und Afrika zu festigen.
„Die EU sollte sich darauf konzentrieren, zügig zu Ergebnissen zu kommen“, rät Expertin Lisandra Flach vom Ifo-Institut. Durch jeden Freihandelsvertrag bieten sich Chancen, die europäische Unternehmen für sich nutzen können.