Standort Deutschland
Neuer Schub für Deutschland?
Monat für Monat verschwinden rund 10.000 Industriejobs. Welche Wachstumsmotor kann Deutschland selbst noch starten?
von Thomas Hofinger, Michael Aust und Michael Stark
Deutschland. Wir alle erleben einen traurigen Rekord: die längste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Besonders heftig spüren das die Menschen in der Industrie. Monat für Monat gehen dort etwa 10.000 Jobs verloren. Immer wieder müssen Werke dichtmachen – nicht nur bei den Autozulieferern oder in der Chemie.
„Die Industrieproduktion geht das vierte Jahr in Folge zurück“, hat Peter Leibinger im Dezember festgestellt, der Präsident des Industrie-Dachverbands BDI. „Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Abstieg.“
Für den es gewichtige Gründe gibt. Als er sein Ehrenamt als Gesamtmetall-Präsident abgab, spitzte es Stefan Wolf so zu: „Wir haben es uns bequem gemacht im Vertrauen darauf, dass die Russen uns billige Energie verkaufen, die Chinesen unsere Produkte abnehmen und die Amerikaner für unsere Sicherheit sorgen. Aber das funktioniert nicht mehr.“
Die Krise ist auch Hausgemacht
Die Zeiten haben sich sehr schnell geändert. Erst die Coronakrise. Dann Russlands Angriffskrieg in der Ukraine. Immer neue willkürliche Zoll-Attacken des US-Präsidenten. Dazu Chinas rücksichtsloses Vorgehen: unberechenbare Ausfuhrbeschränkungen etwa bei seltenen Erden einerseits, subventionierte Warenflut nach Europa andererseits. Aber man darf die Schuld nicht nur jenseits der Grenzen suchen!
„Neu ist, dass sich Deutschland nicht so leicht aus der aktuellen Krise befreien kann, weil sie zu einem guten Teil hausgemacht ist“, sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger in einer Rede im November. Er kritisierte die Bürokratie, die Energiepolitik – und den Sozialstaat, „der schneller wächst als die Wirtschaft“. Sein Fazit: „Deutschland scheint irgendwann falsch abgebogen zu sein.“
Es ist eben auch eine Standortkrise, in der wir stecken. Und gegen die sich etwas tun lässt! In diesem KAUTSCHUK-Schwerpunkt geht es daher um sieben wichtige Wachstumsfaktoren: Was hilft den Betrieben – und was bremst sie?
1. Infrastruktur
Nur mit intakten Straßen, Schienen und Netzen kann die Wirtschaft wachsen
Die Zahl ist dramatisch: 84 Prozent der Firmen sehen sich durch die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur in ihrer Geschäftstätigkeit regelmäßig beeinträchtigt.
Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter rund 1.100 Unternehmen auf. Marode Straßen, kaputte Brücken und verspätete Züge belasten die Firmen stärker als in allen Auflagen dieser Umfrage zuvor. 2018 klagten „nur“ 67 Prozent, 2013 sogar „nur“ 59 Prozent über diese Belastungen.
„Die Verkehrsinfrastruktur ist zum Bremsklotz für die deutsche Wirtschaft geworden“, sagt Studienautor Thomas Puls, Verkehrsexperte im IW. Hauptproblem sind für fast alle Firmen die Straßen. Kein Wunder: Werden Güter und Waren doch vor allem per Lkw durchs Land gekarrt. Die Schiene? „Aktuell leider keine echte Alternative“, sagt Puls. „In unserer Umfrage nannten nun 71 Prozent der Unternehmen den Schienenverkehr als Standortproblem. Dieser Wert ist mehr als dreimal so hoch wie 2013.“
Auch bei den für die Industrie wichtigen Wasserstraßen gibt es viel zu tun: „Sie haben die mit Abstand älteste Infrastruktur. Es gibt Schleusen, die noch aus der Kaiserzeit stammen“, erklärt Puls. Und schließlich ist da noch das Glasfasernetz: Nur in 43 Prozent der Haushalte in Deutschland reicht das Glasfaserkabel bis in die Wohnung. Selbst Rumänien (84 Prozent) oder Spanien (88 Prozent) sind da deutlich weiter.
Im „World Competitiveness Ranking“ der Schweizer Hochschule IMD landet Deutschland bei der Infrastruktur derzeit nur auf Platz 28 von 69 bewerteten Staaten. Immerhin: Die Politik hat schon umgesteuert und Anfang 2025 ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für die Infrastruktur bewilligt. Damit sollen Wege und Netze fit gemacht werden.
Ob das schnell gelingt? „Das hängt auch davon ab, ob sich genügend Arbeitskräfte finden“, sagt Puls. Allein auf dem Bau fehlen schon heute Tausende Fachleute: vom Planungsingenieur in der Behörde bis zum Tiefbauspezialisten. Um Sanierung und Ausbau nicht zu verzögern, empfiehlt eine IW-Studie deshalb, Planung, Vergabe und Regulierung radikal zu vereinfachen.
Fazit: Die Lage hat sich immer weiter verschlechtert – aber es gibt viel Geld für Verbesserungen.
2. Steuern
Im internationalen Vergleich holt Deutschland endlich auf
Gewinne werden bei uns höher besteuert als in den meisten anderen Industriestaaten: Unternehmen müssen im rechnerischen Mittel 30 Prozent vom Gewinn abdrücken. Das schwächt ihre Investitionskraft und ist ein schwerwiegender Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit. Dieses Problem lag schon lange auf dem Tisch – die schwarz-rote Bundesregierung hat es dann schnell gelöst.
Der Körperschaftsteuersatz wird ab 2028 schrittweise gesenkt. Ab 2032 liegt die Gesamtsteuerbelastung der Unternehmen dann bei etwa 25 statt derzeit knapp 30 Prozent. Als Erste-Hilfe-Maßnahme gilt seit Juli 2025 (und noch bis Ende 2027) ein „Investitionsbooster“: Schnellere Abschreibungen für Ausrüstungsinvestitionen können allen Betrieben helfen. „Ein wichtiges Signal für den Standort“, lobte etwa der Verband Gesamtmetall.
Im Koalitionsvertrag heißt es zudem: „Wir werden die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen zur Mitte der Legislatur senken.“
Fazit: Die schwarz-rote Koalition hat den Unternehmen rasch geholfen.
3. Bürokratie
Überbordende Regulierung ist das ärgerlichste Problem für viele Firmen – die Politik hat das offenbar verstanden
Immer mal wieder hat die Politik versprochen, unnütze Bürokratie abzubauen – so richtig geklappt hat es nie. Der neue Anlauf ist allerdings schwungvoll.
Was stört die Betriebe am meisten? Die Umfrage „Arbeitgeberbarometer“ zeigte es kürzlich erneut auf: „Für 82 Prozent stellen Vorschriften und bürokratische Anforderungen ein großes oder sehr großes Problem dar.“ Und die gängelnde Bürokratie liegt da mit großem Abstand vorne, vor Punkten wie Fachkräftemangel oder Arbeitskosten, die je 70 Prozent der Unternehmen als großes Problem nennen.
Am Problem Nummer eins arbeitet die Regierung aber sehr ernsthaft. Laut Koalitionsvertrag sollen die Bürokratiekosten der Wirtschaft um 25 Prozent sinken. Erstmals gibt es einen Minister für Digitales und Staatsmodernisierung (mehr dazu hier).
Im Herbst hat das Kabinett eine „Modernisierungsagenda“ beschlossen. Erste Punkte wie der „Bau-Turbo“ für einen schnelleren Wohnungsbau sind schon umgesetzt, weitere wie die „Unternehmensgründung in 24 Stunden“ sind in Arbeit.
Modernisierung mit Gegenwind
„Mindestens ein Drittel der Berichts-, Dokumentations- und Auskunftspflichten“ soll bald wegfallen, hieß es dann kurz darauf nach einer Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Dezember. Und sogar auf EU-Ebene versucht man, überzogene Vorgaben wieder einzufangen – etwa beim Lieferkettengesetz.
Aber leider ist auch wieder neue Bürokratie im Anmarsch: das aus Sicht der Wirtschaft komplett unnötige Tariftreuegesetz etwa oder die deutsche Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Im Institut der deutschen Wirtschaft ist Experte Klaus Heiner Röhl denn auch noch skeptisch: Zu oft schon sei politisch versprochener Bürokratie-Abbau am Ende nicht wirklich gelungen. „Das anspruchsvolle neue 25-Prozent-Ziel kann man wohl nur durch mehr ,Mut zur Lücke‘ erreichen“, betont er. „Wir brauchen wieder mehr vertrauensbasierte Regeln statt detailliert nachzuweisender Rechtsumsetzungen.“
Fazit: Was zu lange alarmierend schlecht war, wird nun hoffentlich besser.
4. Fachkräfte
Wir benötigen mehr gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland
Kollege gesucht – und nicht gefunden: Trotz kriselnder Konjunktur fehlen in Deutschland mehr als 400.000 Fachkräfte! Für ein Drittel der offenen Stellen gibt es keine passend qualifizierten Arbeitslosen.
Diese Zahlen kommen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dessen düstere Prognose, die kein Experte bezweifelt: Schon bald könnten hierzulande einige Millionen Arbeitskräfte fehlen.
Laut Bertelsmann-Stiftung ist „eine jährliche Nettozuwanderung von mindestens 288.000 Personen bis 2040 erforderlich“, um die demografisch bedingte Arbeitskräftelücke zu schließen. „Wir haben da aber leider ein doppeltes Problem“, erklärt Professor Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Deutlich weniger Jugendliche als ältere Menschen – und ein sinkendes Schulbildungsniveau.“
Viele bleiben nach dem Studium
Zum Glück sind unsere Hochschulen sehr attraktiv für internationale Studierende. „Viele kommen aus demografiestarken Ländern wie Indien oder Brasilien“, so Plünnecke. „Und über 40 Prozent von ihnen bleiben nach dem Studium hier. Damit könnten wir wohl etwa ein Fünftel der demografischen Lücke schließen.“
Auch für die Zuwanderung von Fachkräften aus der Ferne sind die gesetzlichen Hürden inzwischen deutlich niedriger als früher. Was sonst noch nötig ist: „Etwas längere Lebensarbeitszeit, bessere Kinderbetreuung, Umschulungen, Automatisierung, künstliche Intelligenz – die Lösungen liegen alle auf dem Tisch“, sagt der IW-Experte.
Fazit: Das Problem ist schon groß – und wird größer. Aber es gibt viele Ansätze, es zu lösen.
5. Energie
Um produzieren zu können, brauchen Betriebe Strom. Doch der ist noch immer sehr teuer
Die Energiewende liegt nicht im Plan: Windkraft, Netze, Wasserstoff, Stromspeicher – überall hinkt der Ausbau den hochgesteckten Zielen hinterher.
Den Stand der Dinge hat KAUTSCHUK bereits in der vergangenen Ausgabe aufgezeigt (mehr dazu hier). Unser Strommix ist bereits sehr grün – im dritten Quartal 2025 stammten 64 Prozent aus nachhaltigen Quellen. „Die Frage ist jetzt: Wie können wir Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen?“, sagt IW-Experte Andreas Fischer.
Strompreise gehören zu den höchsten Europas
Was vielerorts fehlt, sind Leitungen und Speicher. Für Letztere gebe es eine regelrechte Antragsflut, sagt Fischer: „Durch die Masse an Netzanschlussanfragen sind sowohl die Netzbetreiber als auch die Netzanschlusspunkte mehr als ausgelastet, auch wenn noch offen ist, wie viele der Projekte umgesetzt werden.“
Laut Eurostat gehören die Strompreise für Betriebe in Deutschland zu den höchsten Europas – ein echter Wettbewerbsnachteil. Immerhin: Die Senkung der Stromsteuer wird nun auf Dauer beibehalten, die Netzentgelte sinken dank Steuergeld leicht. Und für spezielle, besonders energieintensive Unternehmen soll ein sogenannter Industriestrompreis etwas Entlastung bringen.
Fazit: Die Energiewende muss effizienter werden, damit die Kosten endlich sinken.
6. Lohnnebenkosten
Steigende Sozialabgaben machen Arbeit noch teurer. Das schadet der Wettbewerbsfähigkeit
Immer mehr Ältere in Rente, immer weniger Junge im Arbeitsleben: Der demografische Wandel hat Deutschland bald im Griff – mit gravierenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme.
Experten warnen vor einem deutlichen Anstieg der Lohnnebenkosten: Die Sozialbeiträge von Betrieben und Beschäftigten für Rente, Gesundheit und Pflege laufen aus dem Ruder, falls die Politik keine Reformen einleitet (mehr dazu hier).
Ohne Umsteuern würde sich Arbeit hierzulande noch mehr verteuern und das Wirtschaftswachstum bremsen. „Es droht eine Entwicklung, die die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Beschäftigungs- und Einkommenschancen nachhaltig belastet“, warnt Jochen Pimpertz, Experte fürs Thema im Institut der deutschen Wirtschaft. Die Politik müsse die Abgabenbelastung endlich stabilisieren.
„Für die Wiederbelebung der Wachstumsdynamik braucht es eine strikte Ausgabendisziplin in den sozialen Sicherungssystemen“, fordert Pimpertz. Da werden also Einschnitte nötig. „Und daher wird langfristig auch das Anheben der Regelaltersgrenze für den Renteneintritt nötig sein.“
Fazit: Bei der sozialen Sicherung besteht besonders dringender Reformbedarf.
7. Forschung & Innovation
Die innovative Leistung der Unternehmen in Deutschland hat zuletzt nachgelassen
Innovative Firmen, leistungsfähige Foschungslandschaft: Für Deutschland sind das zentrale Voraussetzungen für Wohlstand und Wachstum. Und in manchen Bereichen sind wir da nach wie vor Weltspitze! Aber es ist noch Luft nach oben.
Die Bundesrepublik kommt im aktuellen Innovationsindikator des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nur noch auf Rang zwölf. Vor allem die Innovationsleistung der Unternehmen ist stark zurückgegangen.
Deutschland: Spitze in Forschung, schwach im Markt
Deren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung am heimischen Standort entwickeln sich weniger dynamisch als in anderen Nationen. Und im wichtigen Bereich Digitalisierung bleibt Deutschland hinter Staaten wie den USA und China zurück.
Laut der BDI-Studie ist Deutschland Weltspitze in der Forschung – aber nur Mittelmaß bei der Verwertung. Es ist daher nötig, Wissen schneller in Wertschöpfung zu überführen: etwa durch besseren Technologietransfer, mehr Wachstumskapital für junge Firmen – und weniger Bürokratie.
Fazit: Deutschland steht noch gut da, muss sich aber mehr Mühe geben.