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Kunstrasen, Lippenstift, Eiffelturm: Was haben sie gemeinsam? Sie alle verdanken ihre Farbe dem Lanxess-Werk in Krefeld

von Matilda Jordanova-Duda

· Lesezeit 6 Minuten.
Lanxess-Standort in Krefeld-Uerdingen: Rund 700 Beschäftigte entwickeln und produzieren hier jährlich über 300.000  Tonnen Eisenoxide. Foto: Lanxess AG

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Lanxess in Krefeld ist Weltmarktführer bei Eisenoxid-Pigmenten und steckt in rund 80 Prozent aller in Europa hergestellten Kunstrasen – sowie in Pflastersteinen, Lippenstift und Fassaden weltweit. 
  • Das nachhaltige Laux-Verfahren nutzt Eisenschrott und Industrieabfälle als Rohstoffe, schließt Stoffkreisläufe mit Nachbarbetrieb Covestro und sichert so den Standort trotz chinesischer Konkurrenz. 
  • Neueste Entwicklung: Eisenoxide aus Krefeld dienen als Kathodenmaterial in Lithium-Eisenphosphat-Batterien für Großspeicher und Elektrofahrzeuge – ein Wachstumsmarkt mit Zukunft.
 

Krefeld. Auf Fußballplätzen rund um den Globus spielt ein Stück Krefeld mit. Denn damit Kunstrasen auch nach Jahren sattgrün bleibt, braucht er spezielle Pigmente. „Es sind gelbe Eisenoxid-Pigmente, gemischt mit blauen oder grünen organischen Farbstoffen“, erläutert Carsten Laps, Anwendungstechniker bei Lanxess in Krefeld-Uerdingen. „In rund 80 Prozent der in Europa hergestellten Kunstrasen stecken unsere Pigmente.“

Wenn der Farbton mitarbeitet

Die anorganischen Pigmente sorgen nicht nur für den gewünschten Farbton. Sie machen Kunststoffe im Außenbereich auch langlebiger – indem sie sie gegen die Auswirkungen von UV-Licht und Hitze wappnen. Das reduziert den Verschleiß. „Die Einfärbung beeinflusst die physikalischen Eigenschaften des Materials“, sagt Laps. Die Folgen einer nicht ausreichend stabilisierten Einfärbung zeigen sich aber oft erst nach Jahren: Der Kunstrasen bleicht aus und bekommt einen Braunstich, weil Sonne und Hitze die Polymerketten angreifen.

So prüfen Beschäftigte die Hitzebeständigkeit der Pigmente

Die Hitzebeständigkeit ist nicht nur im fertigen Produkt wichtig, sondern bereits bei der Verarbeitung. In den Spritzgießmaschinen herrschen Temperaturen von bis zu 260 Grad, zudem bleibt das Material relativ lange in der Anlage. „Da darf bei der Farbe nichts schiefgehen“, sagt Laps.

Um das zu prüfen, werden im Technikzentrum kleine Testplättchen aus HDPE, hochdichtem Polyethylen, gefertigt: jeweils zwei für ein bestimmtes Temperaturniveau. Damit untersuchen die Experten, wie sich die Farbpartikel im Kunststoff verhalten – ein Service für die Kunden des Spezialchemie-Konzerns. Besonders hitzestabile Pigmente halten sogar Temperaturen von mehr als 300 Grad stand.

 

Anwendungstechniker Carsten Laps: Er untersucht, wie sich Farbpartikel beim Spritzgießen von Kunststoff verhalten. Foto: Foto: KAUTSCHUK/Peter Wirtz

Wie aus einem Nebenprodukt ein Kerngeschäft wurde

Die Geschichte der Eisenoxid-Pigmente beginnt dort, wo heute noch produziert wird: in Krefeld. Hier erkannte der Chemiker Julius Laux vor genau 100 Jahren, dass sich aus dem rostbildenden Eisenoxid gezielt Farbe gewinnen lässt. Laux arbeitete damals in einer Anilin-Fabrik, dieser Grundstoff für Textilfarben wurde im niederrheinischen Zentrum der Samt- und Seidenproduktion einst stark nachgefragt. Eisenoxid entsteht bei der Synthese von Anilin als Nebenprodukt.

„Es galt als Abfall, bis Laux einen Prozess entwickelte, bei dem ein konstant farbintensives Eisenoxid anfällt“, erklärt Michael Ertl, Leiter des Bereichs anorganische Pigmente bei Lanxess. Heute ist aus dem einstigen Abfall das eigentliche Kerngeschäft geworden. Rund 700 Beschäftigte entwickeln und produzieren über 300.000 Tonnen Eisenoxide jährlich, in Rot, Gelb, Braun und Schwarz. Hinzu kommen grüne Varianten auf Chromoxid-Basis. Lanxess deckt etwa ein Drittel des globalen Bedarfs und ist damit Weltmarktführer. Das Unternehmen stellt Pigmente in über 100 Farbnuancen her.

Produktion früher und heute: Links entstehen im Lanxess-Werk Gelbpigmente in einem riesigen Reaktor, rechts ist ein historischer Drehrohrofen zur Produktion roter Eisenoxide zu sehen. Fotos (v. l. n. r.): Thorsten Martin; Lanxess AG

Wie Chemiker aus Eisenoxid mehr als 100 Farbtöne entwickeln

Die kristalline Struktur der chemischen Verbindungen bestimmt den Grundton: Hämatit erzeugt Rot, Goethit Gelb und Magnetit Schwarz. Brauntöne entstehen meist durch gezielte Mischungen. Innerhalb jeder Farbfamilie steuern die Chemiker den Ton zusätzlich über Partikelgröße, -form und -oberfläche. Feine, gleichmäßige Teilchen wirken beispielsweise heller und intensiver. Dafür lässt man die Kristalle im Produktionsprozess kontrolliert heranwachsen. Anschließend werden die Pigmente je nach Anwendung getrocknet, klassiert oder in Spezialmühlen bis zum gewünschten Feinheitsgrad gemahlen.

Warum Krefeld für Lanxess wichtig bleibt

Lanxess produziert an mehreren Standorten weltweit, das Herzstück aber liegt in Krefeld. Nach Angaben von Lanxess ist das Unternehmen heute der letzte verbliebene westliche Eisenoxid-Hersteller. Alle anderen hätten wegen der Konkurrenz aus China mit deren niedrigen Löhnen und teils üppigen Subventionen aufgegeben.

Trotz der ungleich höheren Energie- und Lohnkosten in Deutschland sieht Ertl die Zukunft des Standorts positiv. Der Grund: Lanxess setzt als einziger Produzent auf das nachhaltige Laux-Verfahren. Es liefert gleich zwei Produkte – Eisenoxide und Anilin – und schließt dabei Stoffkreisläufe. Als Rohstoff dienen zum einen Eisenschrott und Späne aus der Stahlverarbeitung und der Autoindustrie, zum anderen Nitrobenzol, das vom Nachbarn Covestro kommt.

Bordeaux-, Ziegel- und Paprikarot: Aus Rost können über 100 Farbtöne entstehen. Foto: Lanxess AG

Im Chemiepark greifen viele Produktionsschritte ineinander

Im Chemiepark Krefeld-Uerdingen greift vieles ineinander: Mehrere Unternehmen teilen sich die Infrastruktur, Nebenprodukte des einen werden zu Ausgangsstoffen des anderen. Das bei Lanxess entstehende Anilin geht zurück an Covestro, wo es in der Kunststoffproduktion genutzt wird. Das spart Kosten – und senkt die CO2-Emissionen.

Wo die Pigmente im Alltag auftauchen

Die Bauindustrie ist mit rund 50 Prozent der größte Abnehmer: Die bunten Pulver stecken auch in Pflastersteinen, Dachziegeln, Fliesen und Fassadenelementen. Der Eiffelturm wurde mehrmals mit Farbe aus Krefeld aufgefrischt. Das rote Pflaster vor dem Buckingham Palace in London oder die schillernde Fassade des Fußballstadions in Johannesburg leuchten seit Jahrzehnten dank der Lanxess-Pigmente. Eisenoxide stecken auch in Verpackungsfolien, Plastikstühlen, Blumentöpfen, Wimperntusche oder Lippenstift.

Trotz Konkurrenz aus China: Michael Ertl, Leiter des Geschäftsbereichs Pigmente bei Lanxess, sieht die Zukunft des Standorts positiv. Foto: Peter Obenaus

Doch die Stoffe können mehr, als nur Farbe geben. Sie haben magnetische und katalytische Eigenschaften und helfen dabei, Schadstoffe aus Trinkwasser zu entfernen, Biogas zu entschwefeln oder Abgase zu reinigen. In der Medizintechnik dienen sie als Kontrastmittel. In Airbags tragen sie zur gleichmäßigen Ausdehnung beim Aufprall bei, in Bremsbelägen verbessern sie die Reibung.

Wie Eisenoxidpigmente Recycling und Batterien unterstützen

Wie viel Funktion in Farbe steckt, zeigt ein Schwarzpigment für Kunststoffe, das bis zu 20 Prozent der Infrarotstrahlung zurückwirft. Es kommt etwa in Fassaden und Armaturenbrettern zum Einsatz – für kühlere Oberflächen und weniger Rissbildung. Zugleich verbessert es das Recycling: Schwarzes Eisenoxid reflektiert Infrarotlicht stärker als Ruß, die Sensoren von Sortieranlagen erkennen schwarze Kunststoffe dadurch besser. Und je sortenreiner ein Recyclingkunststoff, desto hochwertiger ist er. 

„Wir sind bereit, uns immer wieder neu zu erfinden“, sagt Ertl. Das stimmt ihn zuversichtlich. Aus dieser Haltung ist eine breite Produktpalette entstanden, die Krisen in einzelnen Märkten abfedern kann. Die neueste Entwicklung aus Krefeld sind Eisenoxide, die als Kathodenmaterial dienen in Lithium-Eisenphosphat-Batterien für Großspeicher und E-Fahrzeuge. Ein Geschäft mit Zukunft.

 

Lanxess – die Fakten

Lanxess ist ein Spezialchemiekonzern mit Sitz in Köln. Weltweit beschäftigt er 11.600 Mitarbeitende. Im Chemiepark Krefeld-Uerdingen produzieren rund 700 Beschäftigte jährlich mehr als 300.000 Tonnen Eisenoxide und Chromoxide und decken damit gut ein Drittel des Weltbedarfs. Das Unternehmen stellt dort seit 100 Jahren Pigmente her. Zum Kerngeschäft des Konzerns zählen Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von chemischen Zwischenprodukten, Additiven, Spezialchemikalien und Kunststoffen.

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