Portal für Beschäftigte in der Kautschuk- und Kunststoffindustrie

Ratgeber

Wohin mit der guten Idee?

Betriebliches Vorschlagswesen: So bringen Unternehmen Ideen aus der Belegschaft in die Praxis

von Elke Bieber und Nadine Keuthen

· Lesezeit 6 Minuten.
Gute Ideen zahlen sich aus: Wenn Vorschläge aus der Belegschaft umgesetzt werden, bringt das dem Unternehmen Nutzen – und die Ideengeber erhalten eine Prämie. Illustration: generiert mit KI (DALL-E)

Köln/Düsseldorf. Kann man die Spülvorgänge beim Verzinken effizienter organisieren? Dazu machte sich ein kleines Team um Betriebsleiter Thorsten Ostrowski von Salzgitter Flachstahl Gedanken. Die Lösung: Die Techniker verknüpften die Spülvorgänge, sodass sich das Spülmedium mehrfach verwenden ließ. Der Nutzen: geringerer Ressourceneinsatz, weniger Flüssigabfall und die Rückgewinnung von Zink. Über den Erfolg freuten sich nicht nur die drei Mitarbeiter sowie die Leiterin des Ideenmanagements, Ulrike Schlegel. Das Unternehmen glänzte mit diesem Vorschlag auch beim Deutschen Ideenmanagement Preis 2024, es kam da auf Platz zwei.

Ideenmanagement mit langer Tradition

Ideen sprudeln lassen: Darum geht es im modernen Ideenmanagement. Es ist eine Strategie, mithilfe der Beschäftigten zukunftsfähiger zu werden. Der Ansatz ist nicht so neu, wie er klingt. Das betriebliche Vorschlagswesen gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert. So bestimmte der Industrielle Alfred Krupp in seinem „Generalregulativ“ von 1872: „Anregungen und Vorschläge zu Verbesserungen“ seien „dankbar“ entgegenzunehmen und „durch Vermittelung des nächsten Vorgesetzten an das Directorium zu befördern“. Die Entscheidung traf der Chef. Krupp regelte die Belohnung noch nicht ausdrücklich. Merck und Borsig, ebenfalls Pioniere des Vorschlagswesens, taten dies.

Den heute geltenden Grundsatz erklärt Ralph W. Conrad vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in Düsseldorf: „Der Arbeitgeber, der einen Verbesserungsvorschlag seines Arbeitnehmers verwertet und daraus einen Vorteil zieht, ist nach gegebener Rechtsprechung und herrschender Lehre zur Zahlung einer Vergütung verpflichtet.“ Viele Unternehmen regeln diese Prämie beispielsweise in Betriebsvereinbarungen. Dasselbe gilt für den Ablauf: Was wird aus der Idee, wenn sie einmal eingereicht ist?

Abläufe sind je nach Betrieb verschieden

Das betriebliche Vorschlagswesen ist heutzutage oft nicht mehr die alleinige Ideenquelle im Unternehmen. Methoden wie der kontinuierliche Verbesserungsprozess, agile Tools oder Ideenmanagement-Kampagnen haben sich verbreitet. In der Praxis sind die Übergänge fließend – mit entsprechend unterschiedlichen Abläufen.

Aus Conrads Sicht sollten bis zur Annahme oder Ablehnung eines Vorschlags nicht mehr als zwölf Wochen vergehen. Stehen technische und weitere Prüfungen an, dauere es möglicherweise etwas länger: „Dieser Zeitraum kann natürlich – je nach Komplexität des Vorschlags – überschritten werden.“ Für helle Köpfe hat er die folgenden Tipps:

Chancen checken. Besonders vielversprechend sind Ideen, die messbaren Nutzen zeigen, „etwa durch Zeit- oder Kosteneinsparungen, eine höhere Qualität der Arbeitsergebnisse oder eine gesteigerte Kundenzufriedenheit“.

Zuständigkeiten klären. Gegebenenfalls gibt es mehrere Verantwortliche. Darum: herausfinden, wer die Ansprechperson in der Abteilung oder im Betrieb ist! Sie wird Regeln und Ablauf erläutern.

Mindestkriterien einhalten. Dazu gehören realistische Umsetzbarkeit und Konformität zu Betriebs- und Gesetzesbestimmungen. Zudem sollte sich diese oder eine ähnliche Maßnahme nicht bereits in der Pipeline befinden.

Aussagefähige Beschreibung. Wer den Ist-Zustand und den Handlungsbedarf benennt, seinen Vorschlag samt dem möglichen Nutzen beschreibt und Umsetzungstipps hat, vermittelt ein gutes Bild von der Lösung. Oft gibt es entsprechende Formulare für die Vorschläge.

Feedback erhalten. Eine zügige Rückmeldung ist fair – egal, ob die Idee umgesetzt wird. 

Eine klare Ansage ist aus Conrads Sicht ein wichtiges Plus im Vorschlagswesen: „Alle Mitarbeitenden sollen wissen, dass ihre Vorschläge willkommen sind.“ Wie Unternehmen vom betrieblichen Vorschlagswesen profitieren und Ideen messbare Verbesserungen bringen, zeigen die folgenden Beispiele:

 

Warum immer noch manuell regeln?

Die weltweit rund 32.000 Beschäftigten von Evonik nutzen für Verbesserungsvorschläge eine Intranetplattform. Allein 2024 kamen mehr als 3.600 Ideen zusammen. Das Ideenmanagement prüft sie, erfolgreiche Ideengeber erhalten Prämien. Die umgesetzten Vorschläge aus dem Jahr 2024 brachten Evonik allein im ersten Jahr der Anwendung mehrere Millionen Euro Nutzen netto. 

Besser gemacht: Präziser als per Handarbeit regelt nun eine Automatik die Zulauftemperatur in einer Raffinatanlage. Foto: Evonik (Symbolbild)

So hatte ein Mitarbeiter die Idee, in einer Raffinatanlage die Warmwasser-Zulauftemperatur anders zu regeln. Was zuvor in einem Hydrierschritt manuell und punktuell ablief, erledigt nun kontinuierlich und präzise eine Automatik. Dies senkt den Energiebedarf und die Kosten.

Trocknen mit Druckluft spart Zeit und Papier

An den deutschen Standorten von Wacker werden jährlich rund 4.000 Verbesserungsvorschläge eingereicht, jeder zweite wird auch umgesetzt. Und das lohnt sich: Der Nutzen der 2025 realisierten Ideen lag im einstelligen Millionenbereich; über drei Jahre gerechnet summiert er sich sogar auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Christian Mandl und seine Lösung: Druckluft statt Papiertücher. Foto: G. Willmerdinger/Wacker Chemie AG

Einen Beitrag dazu leistete auch Wacker-Mitarbeiter Christian Mandl am Standort Burghausen: Der Chemielaborant hatte eine pfiffige Idee, um die Textilausrüstungsmaschine im Silicone-Labor nach dem Reinigen schneller wieder einsatzfähig zu machen. Statt die Maschine mit Papiertüchern trocken zu wischen, wird sie mit Druckluft ausgeblasen. Die Reinigung dauert nur noch halb so lang – und ist, da kein Papier mehr verwendet wird, kostengünstiger und umweltfreundlicher.

Beim Emissionshandel mitdenken und Zertifikate sparen

Der Ludwigshafener Konzern Basferzielt durch Ideenmanagement messbare Verbesserungen. Dies gilt nicht nur für die Arbeit in den Betrieben. Als besonders wertvoll erwies sich eine Idee, die sich auf den Handel mit Emissionszertifikaten bezieht. Zum Hintergrund: Der EU-Emissionshandel ist ein wichtiges Klimaschutzinstrument, das eine Obergrenze für den Treibhausgasausstoß festlegt. Das Prinzip: Emittierende Unternehmen kaufen Emissionsberechtigungen (Zertifikate). Unternehmen, die Treibhausgase einsparen, können wiederum Zertifikate verkaufen. Auf diese Weise halten die Beteiligten die CO2-Obergrenze ein und haben einen Anreiz, klimafreundlicher zu wirtschaften. Wie viel ein Unternehmen emittiert, ergibt sich, wie bei Basf, aus einer Bilanz über sämtliche Produktionsanlagen hinweg. Dafür erfasst die Basfalle Einsatz- und Produktströme. Dann kauft das Unternehmen für diese Emissionsmenge Zertifikate. 

Cleverer Einfall: Eine Mitarbeiterin bei BASF brachte die Idee ein, biogene Rohstoffe in der Emissionsbilanz zu berücksichtigen. Foto: Basf

Als Basfvor einigen Jahren das Chemcycling-Projekt startete – das chemische Recycling von Kunststoffabfällen – kamen unter anderem Rohstoffe mit biogenem (Biomasse-) Anteil zum Einsatz, und zwar in der Synthesegasanlage. Beim chemischen Recycling werden Kunststoffe in ihre Bausteine zerlegt oder in Grundchemikalien umgewandelt. Gemeinsam können mechanisches und chemisches Recycling die Recyclingraten erhöhen und zu einer stärkeren Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe beitragen. Dass bei Basfauch Rohstoffe mit biogenem Anteil, etwa Pflanzenöle, eine Rolle spielen, brachte eine Mitarbeiterin 2023 auf eine Idee: Diesen klimafreundlicheren Anteil könnte man in der Basf-Emissionsbilanz berücksichtigen. Bereits ein Jahr später mussten dadurch weniger Zertifikate gekauft werden.

  • PDF