Kautschuk im Alltag
Mehr als nur Luft
Nur ein paar Liter bis zum Knall: Ein Alltagsprodukt im Spannungsfeld der Physik
von Roman Winnicki
Zu viel pfffft und es macht: Peng! Fast jeder hat schon einmal die physikalischen Grenzen eines Luftballons getestet – meist mit einem kurzen Schreck danach. Diese Erfahrung könnte auch Michael Faraday gemacht haben. Der Chemiker erfand 1824 in London den Gummiballon – allerdings nicht fürs Kinderzimmer, sondern für Experimente mit Wasserstoff.
Ein handelsüblicher Ballon fasst etwa 2,5 Liter Luft. Was ein Mensch täglich ausatmet, würde rechnerisch für mindestens 4.000 davon reichen. Rekorde sind da nicht weit. Am 27. September 1986 stiegen in Cleveland, Ohio, über 1,5 Millionen Ballons gleichzeitig in den Himmel. Der geplante Weltrekord mündete jedoch in einem Chaos. Wind und Regen trieben die Ballons ins Stadtgebiet, blockierten Straßen, verursachten Unfälle und zwangen einen angrenzenden Flughafen sogar zur Schließung.
Was so leicht in den Himmel steigt, hat einen langen Weg hinter sich. Klassische Luftballons bestehen aus Naturkautschuk, gewonnen aus dem Milchsaft des Kautschukbaums. Bevor das Latex verarbeitet wird, kommen Zusatzstoffe hinzu: Weichmacher, Stabilisatoren, Alterungsschutzmittel und Pigmente.
Formen aus Porzellan oder Aluminium werden in die Mischung getaucht, bis die gewünschte Wandstärke entsteht. Danach folgt die Vulkanisation: Hitze und Schwefelverbindungen vernetzen die Moleküle. So wird die Hülle elastisch, reißfest und formstabil.
Schätzungsweise werden heute weltweit 15 Milliarden Luftballons pro Jahr produziert. Eine Zahl, die zeigt, wie tief sie in unserem Alltag verankert sind. Tief genug jedenfalls, um auch die Popkultur zu durchdringen und 1983 in die Charts zu gelangen. Damals machten sich ganz berühmte „99 Luftballons” auf ihren Weg zum Horizont.