Aus- und Fortbildung
GTA VI: Warum Games für die Industrie wichtig sind
Video-Spiele sind mehr als Unterhaltung: Ihre Kompetenzen helfen Unternehmen bei der digitalen Transformation
Das Wichtigste in Kürze
- GTA VI könnte bis zum Ende seiner Veröffentlichungswoche 3,3 bis 5,2 Milliarden Dollar Umsatz erzielen.
- Mit einem weltweiten Umsatz von 224 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 macht die Games-Branche mehr Geld als Film und Musik zusammen.
- Knapp zwei Drittel der rund 5.000 ausgewerteten deutschen Stellenanzeigen mit Gaming-Kenntnissen stammen aus Unternehmen außerhalb der Games-Branche.
KÖLN. Mehr als 13 Jahre! So lange mussten Fans auf das neue „Grand Theft Auto“ warten. Jetzt ist diese halbe Ewigkeit fast vorbei – und die Vorfreude der gigantischen Gaming-Szene grenzenlos, auch in Deutschland.
„Dieser Hype ist kein Ausnahmemoment, sondern Ausdruck eines dauerhaften Trends. Games sind längst zum Leitmedium unserer Zeit geworden.“ So sagt es Felix Falk, Geschäftsführer des Verbands der deutschen Games-Branche. Die speziellen Skills aus der Spielewelt seien mittlerweile auch in vielen Industriezweigen stark nachgefragt.
Rund 260 Millionen Dollar Umsatz binnen einer Woche für die Produktionsfirma Rockstar Games: Laut Marktforschungsdienst Newzoo war der Vorverkaufsstart von GTA VI im Juni der erfolgreichste aller Zeiten. Und das Spiel kommt erst am 19. November raus. Bis zum Ende der Veröffentlichungswoche prognostiziert Newzoo einen Umsatz von 3,3 bis 5,2 Milliarden Dollar! Kein Wunder: Die Videospielserie läuft schon seit 1997. Fünf Hauptspiele, mehrere Ableger, Spin-offs und Erweiterungen später ist GTA eine der bekanntesten Marken der globalen Unterhaltungsindustrie. Doch das bisher letzte Kapitel, GTA V, kam 2013. Danach war erst mal Schluss.
Der größte Markt der Unterhaltungsbranche
Im November sollen die Fans Nachschub bekommen, nach etlichen Verzögerungen, Pannen und Spekulationen. Der erste GTA-VI-Ankündigungstrailer ist dann auch schon wieder drei Jahre alt. Bei seiner Premiere war das Internet plötzlich ein riesiges Detektivbüro: In Foren und Videos wurden Straßen- und Nummernschilder, Wolken und Frisuren analysiert. Zunächst ist GTA VI nur für die Playstation und die Xbox erhältlich. Die Standardversion kostet 80 Euro, die Ultimate Edition mit Erweiterungen 100 Euro.
„Wenn ein einzelnes Spiel monatelang die Schlagzeilen bestimmt und sich Pläne allerorten nach dessen Veröffentlichung richten, ist das ein Beleg dafür, dass Games zum Zentrum der Popkultur geworden sind“, betont Falk. Der Hype um das – wegen teils gewaltverherrlichender und frauenfeindlicher Inhalte durchaus umstrittene – Spiel steht exemplarisch für eine Industrie, die sich rasant zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Unterhaltungsbranche entwickelt hat.
Laut dem „Global Entertainment and Media Outlook“ der Beratungsfirma PwC lag der weltweite Umsatz mit Videospielen im Jahr 2024 bei 224 Milliarden US-Dollar – und dürfte bis 2029 die Marke von 300 Milliarden knacken! Games machen damit mehr Geld als die Film- und Musik-Industrie zusammen.
Digitale Kompetenzen für die Industrie
Was außerdem wichtig ist: „Games sind ein Innovationsmotor weit über den Unterhaltungsbereich hinaus“, sagt Experte Falk. Viele Unternehmen aus anderen Branchen suchen bereits nach Games-Fachkräften. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat rund 5.000 Online-Stellenanzeigen in Deutschland ausgewertet, in denen Gaming-Kenntnisse verlangt wurden.
Ergebnis: Knapp zwei Drittel dieser Stellen sind bei Firmen, die gar nicht zur Games-Branche gehören! So setzen Unternehmensberatungen auf das Wissen der Spieleprofis, um Kunden bei deren digitalen Transformationsprozessen zu unterstützen. Ingenieur- oder Architekturbüros nutzen die speziellen Kompetenzen, um 3D-Konstruktionen zu visualisieren.
In der Industrie kommen Jobanzeigen mit Games-Anforderungen am häufigsten aus der Automobilbranche: Dort geht es darum, Fahrzeug-Prototypen virtuell zu entwickeln und zu testen, bevor ein echtes Modell gebaut wird. „Die Branche ist also ein Reallabor für Schlüsseltechnologien“, erklärt Falk. „Ihre Förderung ist damit eine Investition in die digitale Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Wirtschafts- und Technologiestandorts.“
Deutschlands Rolle als Entwicklungsstandort
Deutschland spielt beim Gaming bisher eine ambivalente Rolle. Einerseits spielen hier 41 Millionen Menschen regelmäßig Videospiele – also jeder zweite Bundesbürger. Das hat das Marktforschungsunternehmen Yougov im Auftrag des game-Verbands herausgefunden. „Deutschland ist der fünftgrößte Games-Markt weltweit“, sagt Falk.
Rund 9,4 Milliarden Euro seien hier 2025 umgesetzt worden. Andererseits ist Deutschland als Produktionsstandort für Videospiele im Vergleich mit großen Playern wie China, USA, Kanada oder Japan eher klein. „Wir sind Weltklasse beim Spielen – liegen als Entwicklungsstandort aber noch weit unter unserem Potenzial“, sagt Falk.
Doch da könnte sich gerade etwas ändern: Zwischen 2018 und 2024 stieg die Zahl der deutschen Games-Unternehmen laut Verband von 524 auf 948, mit inzwischen rund 15.000 Beschäftigten. Der Umsatz dieser heimischen Firmen liegt schon bei rund 3,7 Milliarden Euro. Der Zuwachs liegt auch an der staatlichen Förderung.
Früher floss da eher unregelmäßig Geld. Zwischen 2020 und 2025 bewilligte der Bund dann Zahlungen in Höhe von 183 Millionen Euro an deutsche Spieleentwickler. Ab sofort stehen sogar jährlich 125 Millionen Euro Förderung im Bundeshaushalt bereit. „Games sind eine bedeutende Wachstums- und Innovationsbranche für unser Land“, begründet Dorothee Bär (CSU) diesen Schritt.
Die Gamescom als politischer Treffpunkt
Die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt ist schon seit Jahren prominente Unterstützerin der Branche. Sie ist daher auch gern gesehener Gast beim größten Gaming-Event der Welt: Auf der Gamescom in Köln versammeln sich jedes Jahr Ende August Hunderttausende Menschen aus aller Welt.
Neben Bär waren dieses Jahr unter anderem auch Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) vor Ort – und mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) erstmals sogar ein deutsches Staatsoberhaupt.
Steinmeiers Besuch wird von der Branche als Meilenstein angesehen. Entsprechend laut war auch der Applaus, als der Bundespräsident verkündete: „Mit den wachsenden Möglichkeiten der Technik sind digitale Spiele auch künstlerisch anspruchsvoller, inhaltlich komplexer und gesellschaftlich relevanter geworden. Ja: Games sind heute fester Bestandteil unseres kulturellen Lebens.“ Na ja, ist das nicht ein bisschen abgehoben? Im Gegenteil, meint Falk: „Games sind mehr als Unterhaltung.“
GTA VI: Worum geht es da?
GTA ist ein sogenanntes Open-World-Videospiel: Man steuert eine Figur durch eine frei begehbare Großstadt, erledigt Missionen oder treibt sich einfach herum – etwa, indem man Verfolgungsjagden mit der Polizei anzettelt. GTA VI spielt im fiktiven US-Bundesstaat Leonida, der an Florida erinnert. Zum zweiten Mal ist Vice City, eine fiktive Version von Miami, der wichtigste Ort des Geschehens.
Wegen expliziter Gewaltdarstellung und klischeehafter Figurenbilder gibt es immer wieder harsche Kritik an der Reihe. Bei jedem GTA-Release wird zudem die Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Branche geführt: Beschäftigte wie Beobachter berichten vom sogenannten „Crunch“ – das ist die Phase kurz vor der Veröffentlichung eines Spiels, in der Entwickler oft systematisch Überstunden machen.
Über den Autor
Niklas Kuschkowitz
Niklas Kuschkowitz schreibt für Kautschuk über alles, was mit Wirtschaft und Politik zu tun hat. Studiert hat er Germanistik, Geschichte und Neuere Geschichte – erst in Osnabrück, später in Köln. Nach einem TV-Volontariat zog es ihn in verschiedene Redaktionen: unter anderem zum Redaktionsnetzwerk Deutschland, in ARD-Produktionen und in die Unternehmenskommunikation. Und wenn er gerade nicht arbeitet, findet man ihn am liebsten in ausverkauften Fußballstadien oder in einem bequemen Kinosessel.