Branchen-News

Was die Branche im September bewegt

Kein globales Plastikabkommen, Schallplatten im Kreislauf, Bio-Schaum aus Cellulose – die News

von Roman Winnicki

· Lesezeit 4 Minuten.
Neues aus der Kautschuk- und Kunststoffindustrie: Foto: fotogestoeber - stock.adobe.com

Kein Abkommen für Plastik

Genf. Die UN-Verhandlungen über ein weltweites Plastikabkommen sind vorerst gescheitert. Seit 2022 hatten sich Vertreter von über 170 Ländern darum bemüht, gemeinsame Regeln für Kunststoffdesign, Recyclingquoten und den Aufbau von Abfallwirtschaftssystemen zu vereinbaren. Die Initiative „Wir sind Kunststoff“ (ein Zusammenschluss von GKV, Plastics Europe und VDMA-Kunststoffmaschinen) nennt das Ergebnis eine verpasste Chance. Aus ihrer Sicht braucht es dringend einen neuen Anlauf – mit klarem Fokus auf funktionierende Sammel- und Recyclingsysteme. 

Strandmüll als Zeichen für ein ungelöstes Problem: Die UN konnten sich nicht auf ein weltweites Plastikabkommen einigen. Foto: Friedberg –stock.adobe.com

Fachleute warnen zudem: Ohne einheitliche Regeln wird es für viele Unternehmen schwieriger, Vorschriften einzuhalten, Kosten zu planen oder in Recyclingtechnologien zu investieren. Die Sorge: Ohne weltweit abgestimmte Vorgaben drohen zusätzliche Bürokratie und Wettbewerbsnachteile – etwa durch unterschiedliche Recyclingquoten oder Produktstandards. Nach Einschätzung von Plastics Europe zählt die EU zu den Regionen mit den weltweit ambitioniertesten Vorgaben zur Kreislaufwirtschaft. Ob und wann die Verhandlungen fortgesetzt werden, ist derzeit offen.

 

Reifenabrieb im Fokus

Darmstadt. Beim Fahren entsteht durch Reifenabrieb feiner Staub, der Mensch und Umwelt belastet. Künftig gelten dafür im Rahmen der Euro-7-Norm strengere Grenzwerte. Hersteller müssen erstmals nachweisen, wie stark ihre Reifen zur Feinstaubbelastung beitragen. Das Projekt TERIS des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF entwickelt dafür eine Prüfplattform, mit der sich Abriebpartikel im Labor realitätsnah erzeugen und untersuchen lassen – ohne aufwendige Fahrversuche. 

Symbolbild: Abriebspuren von Flugzeugreifen. Foto: Ralf Geithe – stock.adobe.com

Analysiert wird auch, wie sich diese Partikel mit UV, Ozon oder Feuchtigkeit verändern. KI-basierte Verfahren helfen dabei, Abrieb schneller zu klassifizieren. Die Ergebnisse fließen in digitale Fahrzeugsimulationen ein – zum Beispiel zur Prognose von Reifenverschleiß und Partikelbildung. Ziel ist es, neue Reifenmaterialien schneller und mit weniger Aufwand zu entwickeln.

 

Gummibranche fordert Dialog

Frankfurt A. M. Die deutsche Kautschukindustrie drängt auf eine neue Ausrichtung der Rohstoffpolitik. „Die Haltung, dass in erster Linie die Unternehmen für die Sicherung ihrer Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten verantwortlich sind, ist angesichts der veränderten geopolitischen Lage nicht mehr zeitgemäß“, sagte Boris Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (wdk). Die Branche muss ihren Naturkautschuk komplett im Ausland einkaufen. Alternative Bezugsquellen gibt es nicht. Engelhardt kritisierte, dass die Rohstoffstrategie der Bundesregierung bisher fast nur auf mineralische Rohstoffe wie Metalle schaut, organische Rohstoffe wie Kautschuk dagegen außen vor lässt. „Vor dem Hintergrund neuer Handelsbarrieren und zunehmendem Protektionismus ist die Notwendigkeit für eine aktivere Rohstoffsicherungspolitik noch einmal gestiegen“, so der Hauptgeschäftsführe. Der wdk fordert deshalb einen ständigen Dialog zwischen Bundesregierung und Wirtschaft. Ziel ist es, auch organische Rohstoffe einzubeziehen, Abhängigkeiten offen zu legen und Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung sowie zur Diversifizierung von Lieferketten zu entwickeln.

 

Schallplatte im Kreislauf

Haarlem. Im niederländischen Haarlem, westlich von Amsterdam, produziert das Traditionsunternehmen Record Industry seit 1958 Schallplatten – heute bis zu 60.000 Stück täglich. Als Ausgangsmaterial dienen kleine PVC-Scheiben, sogenannte Pucks, die unter Druck und Hitze in Pressmaschinen zu Schallplatten geformt werden. Dabei entsteht pro Platte ein rund 20 Millimeter breiter Rand, der automatisch abgeschnitten wird. 

Schallplatten: Nachhaltig durch Recycling. Foto: Stock Rocket – stock.adobe.com

Anstatt ihn zu entsorgen, wird das Material direkt zerkleinert und wiederverwendet. Auch fehlerhafte Pucks oder Platten gelangen in eine eigene Recyclinglinie, wo sie zu neuem Granulat verarbeitet werden. Das spart Rohstoffe, reduziert PVC-Abfälle und führt sogar zu neuen Designs: Aus den bunt gemischten Resten entstehen marmorierte Schallplatten, die komplett aus Recyclingmaterial bestehen. So verbindet das Werk klassische Musiktechnik mit moderner Kreislaufwirtschaft.

 

Cellulose statt Erdöl

Graz. Schaumstoffe stecken in Autos, Gebäuden, Maschinen, Schuhen oder Helmen – bislang meist auf Erdölbasis. Im EU-Projekt BreadCell hat ein internationales Forschungsteam nun einen neuartigen Schaumstoff entwickelt, der aus Cellulose besteht. Er ist vollständig biologisch abbaubar und rezyklierbar. Die Herstellung erinnert an das Brotbacken: Die pflanzlichen Fasern werden so verarbeitet, dass unterschiedlich dichte Schäume entstehen.

Bioabbaubar: Skateboard aus Schaumstoff. Foto: Wolf – TU Graz

An der TU Graz wurden dafür Simulationen und Materialtests entwickelt, um die Festigkeit gezielt zu steuern. So lassen sich Schäume für verschiedene Anwendungen herstellen – etwa als Dämmstoff im Bau oder für Sportgeräte. Getestet wurden bereits Fahrradhelme, Skateboards, Bodyboards und Schuheinlagen.

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