Debatte

Dienstpflicht für alle: Ist das sinnvoll?

Verteidigungsminister Boris Pistorius kann sich eine allgemeine Dienstpflicht zur Stärkung von Freiwilligendiensten und Bundeswehr vorstellen. Eine gute Idee? Unsere Autoren diskutieren mit

von Roman Winnicki und Elke Bieber

· Lesezeit 4 Minuten.
Allgemeine Dienstpflicht: Brauchen wir sie? Foto: Jörg Hüttenhölscher / adobestock.com

Prädikat „wertvoll“!

Die Aussetzung des Wehr- und Ersatzdienstes 2011 war ein Fehler, mit dieser Einschätzung hat Verteidigungsminister Pistorius recht. Die Dienste haben dazu beigetragen, dass gesellschaftliche Verantwortung übernommen wird. Und sie haben den sozialen Zusammenhalt gestärkt. Aber eines vorab: Eine allgemeine Dienstpflicht für Frauen und Männer wird weder die personellen Lücken in den sozialen Berufen schließen noch dem Rekrutenmangel in der Bundeswehr etwas entgegensetzen. Allenfalls wäre das Symptombekämpfung, denn ursächlich ist dafür hauptsächlich der demografische Wandel.

Den Personalmangel zu bekämpfen, ist aber auch der falsche Beweggrund. Denn eine Dienstpflicht sollte nicht dazu gedacht sein, Notstände zu überbrücken, sondern dafür, den Sinn für das Gemeinwohl zu schärfen. Sei es etwa, sich mit sozialen Fragen auseinanderzusetzen oder Familie und Heimat im Ernstfall verteidigen zu wollen. Der Blick auf Menschen, die sich in ihren Berufen tagtäglich in den Dienst der Allgemeinheit stellen, ist wie eine Impfung mit dem Solidargedanken: Sie bereitet den Boden für eine Kultur des zivilen und staatsbürgerlichen Engagements. „Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn“, so hat es unser Bundespräsident treffend formuliert.

Roman Winnicki, Redakteur für KAUTSCHUK Unser Ding. Foto: IW Medien

Roman Winnicki, Redakteur für KAUTSCHUK Unser Ding. Foto: IW Medien

Ein Pflichtjahr könnte zudem vor allem für Jugendliche wichtige Orientierungsräume schaffen, um anschließend den für sie passenden Weg in Handwerk, Industrie oder soziale Einrichtungen einzuschlagen.

Kritiker fürchten nun, mit der Dienstpflicht würde der Fachkräftemangel verschärft. Außerdem passe „Zwangsdienst“ nicht zu unserer freiheitlichen Gesellschaft. Seien wir ehrlich: Ursache für den Fachkräftemangel ist eher die Demografie. Und eine freie Gesellschaft waren wir vorher mit Wehr- und Ersatzdienst doch auch.

Kritikwürdig ist hingegen, warum fast immer nur von Schulabgängern die Rede ist, wenn es darum geht, für wen eine Dienstpflicht gelten soll. Und weshalb muss es „Pflicht“ heißen? Der „Allgemeine freiwillige Gesellschaftsdienst“ – so könnte er genannt werden – sollte für alle Altersgruppen gelten. Mit Anreizen anstelle von Zwang wäre er auch kein Eingriff in die individuelle Freiheit. Denkbar wären kostenlose Studien- und Ausbildungskredite, besondere Steuervorteile oder früherer Rentenbeginn. Die Lösung liegt in vernünftigen Impulsen statt starrer Dogmatik. So kann jeder für sich über das Ob und Wann entscheiden.

 

Verschwendung von Talenten

Eine allgemeine Dienstpflicht soll die Wertschätzung zum Beispiel für Rettungsdienste erhöhen und Verteidigung, Zivil- und Katastrophenschutz näher zusammenbringen. Mit dieser Aussage hat der Bundesverteidigungsminister realen Handlungsbedarf benannt – aber leider keine zielführende Lösung.

Die gute Nachricht: Jährlich leisten rund 53.000 Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und 35.000 den Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) ab. Das Problem dabei: Dafür erhalten sie höchstens 438 Euro monatlich. Leben kann man davon nicht, was eine Zugangshürde darstellt. Denn es bedeutet, dass FSJ und Bufdi nur für diejenigen infrage kommen, deren Familie in dieser Zeit für sie sorgt. Eine attraktivere Vergütung – die von den jeweiligen Einsatzstellen freilich erst mal gestemmt werden muss – könnte da vielleicht Abhilfe schaffen. In jedem Fall aber wäre mehr Wertschätzung für Freiwilligenarbeit zielführender als eine Dienstpflicht.

Elke Bieber, Redakteurin für KAUTSCHUK Unser Ding. Foto: IW Medien

Elke Bieber, Redakteurin für KAUTSCHUK Unser Ding. Foto: IW Medien

Die Nachteile dieser allgemeinen Dienstpflicht liegen zudem auf der Hand: Sie würde für alle gelten, die geistig und körperlich zum Dienst in der Lage sind, und sich nicht auf junge Menschen beschränken, die Orientierung suchen. Die Folge: Die Dienstpflicht würde dem Arbeitsmarkt Jahr für Jahr eine gewaltige Gruppe Menschen entziehen, darunter qualifizierte, erfahrene und spezialisierte Kräfte. So weit darf es auf keinen Fall kommen!

Denn wie all diese Menschen für die Dauer ihres Einsatzes ersetzt werden sollen, bleibt bislang völlig unklar. Ebenso unbeantwortet ist die Frage, warum Arbeitgeber noch länger auf Schul- und Hochschulabgänger warten sollen – die Dienstpflicht würde den Eintritt ins Berufsleben verzögern.

Da die Verpflichteten keinerlei Arbeiten erledigen sollen, für die die öffentliche Hand zuständig ist, und zudem nur Aufgaben schultern dürften, die ohne Vorbildung zu leisten sind, käme dies einer Verschwendung von Fertigkeiten und Talenten gleich.

Mal ganz abgesehen davon, welcher massive Eingriff in die Lebensführung der Betroffenen damit verbunden wäre. Also lautet das Fazit: Hände weg von den Fachkräften und dem Berufsnachwuchs – allgemeine Dienstpflicht, nein danke.

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