Debatte
Mehr Flexibilität wagen
Wie lange man am Tag arbeiten darf, ist noch immer strikt geregelt. Die Regierung will den Unternehmen und den Beschäftigten nun mehr Freiraum verschaffen
von Michael Stark

Diskutiert wird darüber schon ziemlich lange – die neue Bundesregierung will die Sache nun endlich richtig angehen: die Flexibilisierung des deutschen Arbeitszeitgesetzes. „Im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie“, heißt es im Koalitionsvertrag, wolle man neue Möglichkeiten schaffen und damit die Bedürfnisse einer „Arbeitswelt im Wandel“ berücksichtigen.
Im Fokus steht dabei die maximal erlaubte Arbeitszeit pro Tag. Sie liegt in Deutschland aktuell bei 8 Stunden. Sie darf aber auf 10 Stunden ausgeweitet werden, wenn die Überstunden innerhalb von sechs Monaten ausgeglichen werden. Wirtschaftsverbände halten diese tägliche Begrenzung für längst nicht mehr zeitgemäß – und verlangen von der Politik, endlich zu handeln.
Keine Ausweitung der Arbeitszeit Pro Kopf
„Die Reform des Arbeitszeitrechts darf nicht länger vertagt werden“, fordert zum Beispiel Oliver Zander, Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Ziel müsse es sein, die persönliche Arbeitszeit freier über die Woche verteilen zu dürfen. „Eine Ausweitung der individuellen Arbeitszeit steht nicht zur Debatte“, versichert Zander.
Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordert eine rasche Reform. BDA-Präsident Rainer Dulger sagt es so: „Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit passt besser in das Zeitalter der Digitalisierung als die strikte tägliche Höchstarbeitszeit. Wir brauchen das in Deutschland jetzt endlich auch.“
Es geht eben einfach um mehr Flexibilität. Sie soll Unternehmen mehr Spielraum geben, um etwa auf Auftragsspitzen reagieren zu können. Sie könnte darüber hinaus neue Schichtmodelle ermöglichen. Und auch Beschäftigte werden profitieren, wenn sie ihre Arbeitszeiten in Absprache mit dem Betrieb besser an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen können.
„Das Vorhaben der Regierung ist richtig und für unsere Wirtschaft notwendig“
Oliver Stettes, Institut der deutschen Wirtschaft
Die EU-Arbeitszeitrichtlinie (die natürlich auch Deutschland einhalten muss) erlaubt längere Arbeitstage. Allerdings darf die Arbeitszeit laut EU-Vorgabe 48 Stunden pro Woche nicht überschreiten. Grundsätzlich vorgeschrieben sind zudem 11 Stunden Ruhezeit am Stück, Tarifpartner dürfen jedoch davon abweichen.
Länder wie Österreich und Italien nutzen diese Spielräume bereits besser aus als Deutschland – und erlauben pro Tag 12 oder sogar 13 Stunden Arbeit. In Griechenland soll ein Gesetz verabschiedet werden, das bis zu 13 Stunden am Tag ermöglicht.
Die Gewerkschaften in Deutschland sehen solche Ausweitungen allerdings kritisch. Sie befürchten vor allem negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Beschäftigten. Dabei zeigt eine aktuelle Studie, dass die geplante Flexibilisierung nicht zwangsläufig üble Folgen haben muss: Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin für Bürobeschäftigte analysiert. Die Ergebnisse legen nahe, so IW-Ökonom Oliver Stettes, „dass zumindest für Bürobeschäftigte Flexibilisierungsspielräume sowohl bei Ruhezeiten als auch täglicher Höchstarbeitszeit existieren, ohne arbeitsplatzbezogene Gesundheitsrisiken zu erzeugen“.
Neue Möglichkeiten etwa für Eltern
Auch bei sehr langen Tagesarbeitszeiten, erklärt der IW-Experte weiter, seien „keine systematischen negativen Auffälligkeiten im Arbeitserleben von Bürobeschäftigten“ zu beobachten – etwa im Hinblick auf die Arbeitszufriedenheit, die Erschöpfung oder die Arbeitsfähigkeit. Gleiches gelte für verkürzte Ruhezeiten: etwa, wenn jemand am Abend noch Arbeit nachholt, die sie oder er aus privaten Gründen am Nachmittag liegen gelassen hat, und dann am nächsten Morgen wieder ganz normal arbeitet.
„In solchen Fällen empfinden zum Beispiel Eltern die neuen Möglichkeiten durch die Ruhezeitverkürzung wohl eher als Entlastung“, sagt Stettes. Sein Fazit: „Das Vorhaben der Bundesregierung, von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu wechseln, ist richtig – und für unsere Wirtschaft notwendig.“