Standort Deutschland
Da passt was nicht am Arbeitsmarkt
Schwache Konjunktur, Kurzarbeit und steigende Arbeitslosenzahlen sind die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig herrscht aber in vielen Berufen Fachkräftemangel
von Alix Sauer

Nürnberg. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt weiter angespannt. „Die Frühjahrsbelebung war insgesamt schwach. Der Arbeitsmarkt bekommt nicht den Rückenwind, den er für eine Trendwende bräuchte“, vermeldete etwa Ende Mai Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit. Sie rechnet mit weiter steigenden Arbeitslosenzahlen für diesen Sommer.
Die Krise ist fast überall: kein Tag ohne Berichte über Stellenabbau und Kürzungen in den Betrieben. Allein in der Industrie gehen derzeit pro Monat im Schnitt etwa 10.000 Stellen verloren. Weitere Beschäftigte sind von Kurzarbeit betroffen. Zwar war die Welle im Winter noch höher, aber immer noch waren in diesem Mai mehr Menschen in Kurzarbeit (218.000 Personen) als noch vor einem Jahr (191.000). Monat für Monat melden die Unternehmen zudem weniger offene Stellen an die Agentur für Arbeit.
Warum diesmal alles anders ist
Eine klassische Arbeitsmarktkrise wie aus dem Lehrbuch also, die sich mit Belebung der Wirtschaft sofort wieder in Wohlgefallen auflöst? So einfach ist das nicht, denn es verläuft eben nicht klassisch wie immer. Schließlich gibt es auch die anderen Fakten, wie die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland insgesamt: Trotz Krise waren im vergangenen Jahr so viele Menschen in Lohn und Brot wie noch nie seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Im Jahresschnitt waren dies 2024 rund 46,1 Millionen Beschäftigte. Die Zahl hat sich seit Anfang dieses Jahres nicht wesentlich verändert.
Noch etwas kommt hinzu: Es kostet die Unternehmen trotz steigender Arbeitslosenzahlen immer mehr Zeit, freie Stellen zu besetzen. Im Schnitt suchten sie vergangenes Jahr gut fünf Monate, bis sie eine oder einen Neuen eingestellt hatten – knapp einen Monat länger als noch 2020, als die Corona-Pandemie die Wirtschaft lähmte.
In manchen Engpassberufen dauert die sogenannte Vakanzzeit sogar noch bedeutend länger. Dies ist ein weiterer Indikator, warum die aktuelle Krise am Arbeitsmarkt eben nicht wie viele frühere verläuft: Nach wie vor herrscht in bestimmten Engpassberufen und Branchen akuter Fach- und Arbeitskräftemangel! Und die, die gerade arbeitslos sind, verfügen nicht zwingend über die richtige Qualifikation – oder wohnen vielleicht nicht da, wo gerade gesucht wird.
Wenn die Babyboomer gehen
Der Mangel wird sich in den kommenden Jahren noch massiv vergrößern, allein schon durch den demografischen Wandel, wenn Berufstätige der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, aber immer weniger Jüngere nachrücken. Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben kürzlich in ihrem MINT-Frühjahrsbericht errechnet, dass aktuell allein in naturwissenschaftlich-technischen Berufen rund 164.000 Arbeitskräfte fehlen. Diese Lücke ist damit deutlich größer als noch vor zehn Jahren – als die Wirtschaft noch brummte.
Das Fatale daran ist: Genau diese Fachkräfte sind es, die Deutschland für eine starke Wirtschaft in wichtigen Zukunftsfeldern braucht. Fast 30 Prozent der Betriebe in Deutschland sind vom demografischen Wandel betroffen und müssen gleichzeitig die Digitalisierung und Dekarbonisierung stemmen. Sie müssen sich anpassen, um mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und im internationalen Wettbewerb zu bestehen.
Doch laut IW-Experten kann fast die Hälfte der Unternehmen (44 Prozent) ihre digitale Transformation nicht vorantreiben, weil ihnen dazu das Fachpersonal fehlt. Und ebenso viele Betriebe erwarten, dass sie für die Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte in den kommenden Jahren mehr Fachkräfte mit Ausbildung in einem MINT-Beruf benötigen. Ein Dilemma, das durch die desolate allgemeine Wirtschaftslage nicht gerade besser wird. Denn die Personalseite ist ja nicht die einzige „Baustelle“ der Unternehmen. Wegen hoher Kosten an anderen Stellen (Energiepreise, Bürokratie und Sozialabgaben) zögern Unternehmen derzeit dennoch, zu investieren –
selbst wenn sie das Personal dazu hätten.
Wie kommen wir aus dem Tal heraus?
Wirtschaftsverbände begrüßen, dass die neue Bundesregierung die Belebung der Wirtschaft als oberstes Ziel ansetzt. „In der Bundesregierung zeichnet sich erstmals seit Jahren ein wirtschaftspolitischer Kurs ab, der Maß, Mitte, Standortstärkung und unternehmerische Freiheit wieder stärker in den Mittelpunkt rückt“, sagt Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des ADK. Die angekündigten Maßnahmen zur Entlastung der Betriebe, zur Deregulierung und zur steuerlichen Förderung von Investitionen lassen auf eine Phase der Erneuerung hoffen. Wenngleich viele dieser Initiativen sich erst noch beweisen müssen – aber sie gehen in die richtige Richtung.