Unternehmensreportagen

Seit 114 Jahren im Geschäft

Die Traditionsfirma Deutsch & Neumann liefert Gummiprodukte fürs Labor aus Brandenburg in alle Welt

von Uwe Rempe

· Lesezeit 4 Minuten.
Leiten die Geschicke des Unternehmens : Die Geschwister Sophie und Philipp Noack führen die Deutsch & Neumann GmbH. Foto Wiegand Sturm

Sophie Noack lacht verschmitzt: „Seit Kurzem haben wir einen Neukunden in Australien. Damit sind wir jetzt in 70 Ländern der Welt im Geschäft.“ Die 33-Jährige leitet seit Ende 2021 gemeinsam mit ihrem Bruder Philipp (35) in vierter Generation das Familienunternehmen Deutsch & Neumann. Laborausrüstungen aus Naturkautschuk, Silikon und synthetischen Elastomeren sind das Spezialgebiet des Mittelständlers aus Hennigsdorf mit rund 20 Beschäftigten. Etwa ein Fünftel des Umsatzes machen die Brandenburger mit Sonderaufträgen aus anderen Industriezweigen. Ein eigener Werkzeugbau und große Expertise machen das möglich.

Erfolgreich in der Nische

Das Portfolio umfasst etwa Pipettierbälle, Stopfen, Laborunterlagen oder Schläuche in vielen Varianten. Zum Beispiel Sicherheitsschläuche für Brenngase, bei denen ein im Schlauch eingearbeitetes Drahtgeflecht bei Knicken verhindert, dass der Gasfluss unterbrochen wird. Insgesamt sind es gut 1.000 verschiedene Produkte. Einer der Renner sind die sogenannten Pipettierbälle, die im Labor benötigt werden, um Flüssigkeiten einfach zu dosieren.

Unzählige Mengen davon verließen letztes Jahr das Werk! Darunter auch eine Eigenentwicklung namens Flip, die sich durch einfache Handhabung auszeichnet und leicht zu säubern ist. „Sie werden heutzutage vor allem in der Ausbildung genutzt“, berichtet Sophie Noack, „in der Laborpraxis dominieren Hightech-Geräte.“

Die Firma arbeitet erfolgreich in diesem Nischenmarkt. „Einerseits liegt das natürlich an der konstanten Qualität unserer Produkte“, weiß Philipp Noack. Seine Schwester ergänzt: „Im Gegensatz zu anderen Branchen müssen wir unsere Fabrikate nicht alle zwei Jahre grundlegend modernisieren. Deshalb können wir unabhängig von Bestellungen fertigen, aber gut kalkuliert, lagern diese Teile und können bei Bestellungen rasch liefern, sogar kleinste Mengen.“ Diese Flexibilität schätzen die Kunden.

Allerlei Laborbedarf aus Kautschuk und Silikon. Foto: Wiegand Sturm

Allerlei Laborbedarf aus Kautschuk und Silikon. Foto: Wiegand Sturm

Investition in Hennigsdorf

Zudem ist das Werk groß, modern – und, abgesehen von einigen 40 Jahre alten, aber sehr zuverlässigen Vulkanisierpressen, nagelneu. Der alte Standort in Berlin platzte im vergangenen Jahrzehnt aus allen Nähten, Weiterentwicklung oder Investitionen waren unmöglich. Der Seniorchef und Vater Bernd Noack schaute sich in der Region nach einem neuen Standort um – und wurde im brandenburgischen Hennigsdorf nahe der Berliner Stadtgrenze fündig. Die lokale Verwaltung unterstützte die Ansiedlung nach Kräften. Eine bezeichnende Anekdote: „In über 100 Jahren Firmengeschichte in Berlin hat uns nie ein Bürgermeister besucht, in Hennigsdorf war der Stadtchef – Herr Thomas Günther – mittlerweile schon zweimal hier“, berichtet Sophie Noack.

Klar, so ein Firmenumzug hat es in sich. Allein das Sammeln, die Planung und die Koordination der Anschlussdaten der Maschinen waren ein riesiger Kraftakt. „Wir konnten die Investition entsprechend unserer Firmenphilosophie größtenteils aus Eigenmitteln stemmen, hinzu kam eine Förderung der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB)“, berichtet Philipp Noack, der im Unternehmen für Produktion und Technik zuständig ist. Perspektivisch sei die Fabrik, die kurz vor Ausbruch der Coronapandemie fertig war, auf weiteres Wachstum ausgelegt.

Nicht alles geht automatisiert: Mitarbeiter Zbigniew Kocjan entformt die fertigen Gummidichtungen. Foto: Wiegand Sturm

Nicht alles geht automatisiert: Mitarbeiter Zbigniew Kocjan entformt die fertigen Gummidichtungen. Foto: Wiegand Sturm

Auch gut für das Unternehmen: Alle Mitarbeiter haben den Umzug nach Hennigsdorf mitgemacht, obwohl das für einige Beschäftigte einen längeren Arbeitsweg bedeutet. „Wir haben das Thema rechtzeitig kommuniziert, sind vor dem Start der Bauarbeiten alle zusammen hier gewesen“, erzählt Sophie, die für Lager, Vertrieb und Personalwesen den Hut aufhat. Und es gebe seitens der Firma Zuschüsse für die Beschäftigten, die den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Gelungene Nachfolgeregelung

Corona, Ukraine-Krieg, brechende Lieferketten und steigende Kosten machten auch Deutsch & Neumann heftigen Ärger. „Unser Mischungshersteller gab kurzfristig sein Geschäft auf“, berichtet Philip Noack, der Notfalllieferant sprang ein, und mittlerweile „sind wir auf der Ziellinie betreffs der Qualität der Mischungen“. Aufgrund dieser Erfahrung gibt es nun wieder einen neuen Lieferanten für Notfälle. „Früher haben wir einmal im Jahr einen Katalog mit Preisen herausgegeben, der galt das ganze Jahr“, spricht Sophie Noack ein weiteres Problem an. Das gehe heute nicht mehr, dafür änderten sich die Preise für Vorprodukte zu rasant.

Deutsch & Neumann ist auch ein prima Beispiel für eine gelungene Nachfolge der Unternehmensführung, denn der Seniorchef zieht sich nun langsam aus dem operativen Geschäft zurück. Lange war nicht klar, ob seine Kinder die Firma übernehmen wollten. Sie bekamen Zeit, sich auszuprobieren: Philipp studierte an der renommierten ETH Zürich Maschinenbau, arbeitete danach auch in der Schweiz: Sophie studierte Betriebswirtschaft in Australien, Dänemark, Argentinien und der Viadrina in Frankfurt/Oder, bevor sie in Düsseldorf ihre erste Anstellung bekam. Aber 2016 beziehungsweise 2018 wurde das Heimweh zu groß, und sie stiegen damals als Produktionsleiter und Vertrieblerin wieder ein. „Genau die richtige Entscheidung“, sagen die zwei heute einstimmig.

Deutsch & Neumann – die Fakten

Die 1909 gegründete Deutsch & Neumann GmbH ist ein familiengeführtes Unternehmen in vierter Generation. An der Spitze des Laborartikelherstellers mit seinen rund 20 Mitarbeitenden stehen seit Ende 2021 die Geschwister Sophie und Philipp Noack.

Mittlerweile exportiert die Firma aus dem brandenburgischen Hennigsdorf ihre Produkte ‒ darunter Pipettierbälle, Stopfen und Schläuche aus Kautschuk und Silikon ‒ in 70 Länder weltweit.

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