Branchen-News

Was die Branche im September 2023 bewegt

Konjunkturdaten, Gummirecycling, nachhaltige Kunststoffe: Was sich bei Kautschuk derzeit tut

· Lesezeit 3 Minuten.

Kunststoff: Verarbeiter leiden

Berlin. Im ersten Halbjahr 2023 hat die kunststoffverarbeitende Industrie in Deutschland einen Rückschlag erlitten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist der Umsatz der Unternehmen um 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) fordert von der Bundesregierung deshalb eine Kurskorrektur in der Wirtschaftspolitik. In der aktuellen Verfassung drohe Deutschland „die massenhafte Abwanderung von Produktion in andere Länder und ein langsames Ausbluten durch den fehlenden Nachwuchs an Fachkräften“, konstatiert Helen Fürst, Präsidentin des GKV. Das von Berlin angekündigte Wachstumschancengesetz reiche „mit 6 Milliarden Euro Fördervolumen und diversen bürokratischen Hürden“ für die Antragsteller nicht aus, um der Industrie neuen Schwung zu verleihen. „Wir brauchen Unternehmenssteuern, deren Niveau international wettbewerbsfähig ist.“ Fürst forderte zudem etwa eine Absenkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestniveau, die Übernahme der Netzentgelte in den Bundeshaushalt sowie „deutlich schneller und konsequenter ausländische Fachkräfte“ zu werben.

Riskanter stoff ersetzt

Weinheim. Entwicklern von Freudenberg Sealing Technologies ist es gelungen, einen gesundheitsgefährdenden Rohstoff gleichwertig zu ersetzen: Ethylenthioharnstoff (ETU). Bislang wird ETU als Beschleuniger bei der Vulkanisation von Chloropren-Kautschuk verwendet. Die daraus gefertigten beweglichen Produkte, zum Beispiel Dichtungsbälge für Gelenkabdichtungen, weisen etwa eine hohe Kältebeständigkeit auf und verhindern den Austritt von Schmierstoffen.

ETU-freie Materialien: Illustration: Freudenberg Sealing Technologies

ETU-freie Materialien: Illustration: Freudenberg Sealing Technologies

Freudenberg-Spezialisten haben es nun geschafft, Mischungen ohne ETU in Serie zu fertigen, die alle Materialanforderungen im Tieftemperaturbereich, bei Zugfestigkeit und Reißdehnung erfüllen. Ein weiterer Vorteil der Neuentwicklung ist der stark reduzierte administrative Aufwand. Seit Anfang 2021 besteht eine Meldepflicht bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA für alle Produkte, die besorgniserregende Stoffe in bestimmten Mengen enthalten. Dies entfällt nun komplett.

Durchbruch beim Recycling?

Bockenem. Der niedersächsische Automobil-Zulieferer und Dichtungs- Hersteller Meteor hat nach eigenen Angaben einen Durchbruch im Gummirecycling erzielt. Nach zweijähriger Forschungs- und Entwicklungsarbeit stehe Meteor kurz vor der Markteinführung erster Produkte, denen Rezyklat beigemischt werden kann. „Eher in Monaten als in Jahren“, sagt Geschäftsführer Christian Schneider. „Das Interesse der Kunden ist jetzt schon groß.“

Das Interesse ist groß: Extrusion von recyceltem Gummi. Foto: Meteor

Das Interesse ist groß: Extrusion von recyceltem Gummi. Foto: Meteor

Möglich wird die Wiederverwertung durch die Entdeckung einer Methode, die Kohlenstoff-Ketten des Gummis trotz Vulkanisierung aufzubrechen. „Der Prozess ist allerdings sehr energieintensiv“, erklärte Schneider. Insofern müsse man immer zwischen dem hohen Energieeinsatz und dem Sparen wertvoller Rohstoffe abwägen. Je nach Produkt und geltenden Qualitätsnormen könnten bis zu 40 Prozent Gummi-Rezyklat neuem Material beigemischt werden.

Alternative zu Industrieruß

Berlin. In einem Pkw-Reifen beträgt der Anteil des Füllstoffs Industrieruß, dem die Pneus auch ihre schwarze Farbe verdanken, zwischen 15 und 20 Prozent. Dieser Rohstoff wird aber auch in der Kunststoff-, Druck- oder Elektroindustrie eingesetzt. Die Krux: Noch bis 2022 bezogen deutsche Firmen rund 60 Prozent ihres Bedarfs aus Russland, was im Zuge der erlassenen Sanktionen nicht mehr möglich ist.

Rezyklat: Industrieruß aus Altreifen. Fotos: milart/Shutterstock (Ruß), Vlad Antonov/Shutterstock

Rezyklat: Industrieruß aus Altreifen. Fotos: milart/Shutterstock (Ruß), Vlad Antonov/Shutterstock

Eine aktuelle Studie verweist nun auf das große Potenzial von Recovered Carbon Black (rCB), den russischen Industrieruß zu ersetzen. rCB wird durch Pyrolyse vor allem aus Altreifen gewonnen, allerdings haben nur wenige Firmen weltweit bislang das neue Verfahren auf Industriebedarf skaliert. Wolfersdorff Consulting Berlin und Notch Consulting, USA, spezifizieren die globale Produktionskapazität des Materials derzeit auf etwa 100.000 Jahrestonnen und schätzen, dass der Ausstoß schon 2025 auf über 380.000 Jahrestonnen steigen wird. Eine andere Studie erwartet, dass insgesamt die Nachfrage nach Industrieruß bis 2030 weltweit auf mehr als 17 Millionen Jahrestonnen wächst.

Nachhaltiger Kunststoff

Münster. Im Labor für Kunststofftechnologie am Fachbereich Chemieingenieurwesen der FH Münster forschen aktuell zwei Design-Studenten der Münster School of Design (MSD) erfolgreich an einem recycelbaren Bio-Kunststoff. Calvin Middel und Bence Ridder wollen aus Bagasse und einem Biopolymer Alltagsgegenstände herstellen.

Bence Ridder (links) und Calvin Middel: Die Studenten wollen aus Bagasse bioabbaubare Kunststoffverpackungen herstellen. Foto: FH Münster/Frederik Tebbe

Bence Ridder (links) und Calvin Middel: Die Studenten wollen aus Bagasse bioabbaubare Kunststoffverpackungen herstellen. Foto: FH Münster/Frederik Tebbe

Bagasse ist ein pflanzliches Abfallprodukt, das bei der Zuckerproduktion nach dem Auspressen von Zuckerrohr entsteht. Bislang wird es auf Kap Verde, dem Heimatland von Middel, vor allem zum Brennen von Zuckerrohrschnaps verwendet. Für ihre Bachelorarbeit im Produktdesign reisten die Studenten nach Kap Verde, um sich im Inselstaat vor der Küste Westafrikas über das Material zu informieren. Mittlerweile haben die beiden den richtigen Mix aus Biopolymer und Bagasse gefunden, die Entwicklung einer Bagasse-Presse ist im Gange, um aus dem biologisch abbaubaren Material zum Beispiel Einweggeschirr oder -becher herzustellen. Die Erfinder denken nun sogar daran, eine eigene Produktionsfirma zu gründen.

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